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Familie Kunterbunt pflegt die kleinen Rituale des Alltags

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ANNEMARIE PFEIFER

Viele Kinder wachsen nicht in ihrer Ursprungsfamilie auf. Schon in ihren prägenden Jahren müssen sie die Trennung der Eltern verschmerzen und sich an ein neues Umfeld anpassen. Diese Kinder leisten Beachtliches, brauchen aber auch gezielte Unterstützung.

Kinder leben von konstanten Beziehungen zu ihren Bezugspersonen. Bei einer Scheidung sind zwar beide Elternteile noch vorhanden, aber die Einheit als Familie geht verloren. Kinder können daran wachsen oder zerbrechen.

Wenn die Familie zerbricht

Kinder möchten grundsätzlich beide Elternteile behalten. In der intensiven Phase des Auseinanderbrechens der Ehe werden sie in der Regel Zeuge von heftigen Auseinandersetzungen. Noch schlimmer wird es, wenn die Eltern ihre Meinungsverschiedenheiten auf dem Buckel der Kinder austragen. Viele Scheidungskinder fühlen sich mitschuldig am Zerbrechen der Ehe. Vielleicht hat sich das Elternpaar wegen Erziehungsfragen gestritten. Die Kinder waren im zunehmenden Spannungsfeld reizbarer, und vielleicht liess auch ihre Leistung in der Schule nach. Auch wenn sie viel Freude bereiten, sind Kinder ein Stressfaktor. Es ist deshalb wichtig, dass sie bewusst von aller Schuld entlastet werden. Mama und Papa sind allein verantwortlich für ihre Beziehung.

Besonders heftig wird im Allgemeinen über das Geld gestritten. Plötzlich wird das Budget sehr eng. Papa hat das Gefühl, dass er ausgenutzt wird, Mama gehört plötzlich zur Gruppe der ‘neuen Armen’. Auch die Kinder müssen sich empfindlich einschränken. Es braucht dann viel Zurückhaltung der beiden Elternteile, damit die Kinder im Verteilkampf nicht als Waffe missbraucht werden.

Wir schaffen es allein

Auch ‘Einelternfamilien’ können für Kinder ein Ort der Geborgenheit und Liebe sein, wo sie gesund heranwachsen können. Gerade allein erziehende Mütter leisten einen enormen Einsatz für ihren Nachwuchs und begleiten sie bestmöglich auf dem Weg ins Erwachsensein. Es gilt aber ein paar Stolpersteine zu beachten. Die neue Kleinfamilie ist oft eine enge Lebensgemeinschaft. Die Mutter fühlt sich verantwortlich für das Zerbrechen der Familie; dies kann sich in einer zu nachgiebigen Haltung ausdrücken. Das Kind darf abends länger aufbleiben, es bestimmt den Menuplan und sagt, was eingekauft wird. Doch auch die Kleinfamilie braucht ihre Regeln. Wenn das Kind in die Rolle des fehlenden Partners gedrängt wird, verliert es ein Stück Kindheit. Klare Regeln und die Abgrenzung von den Problemen der Erwachsenen geben Sicherheit.

Schon kleine Kinder fühlen sich für das Ergehen von Mama verantwortlich. Achten Sie darauf, dass Sie das Kind nicht mit Ihren Problemen belasten. Gerade für die allein erziehende Mutter ist es wichtig, dass sie Freundschaften pflegt und ihr Bedürfnis nach Nähe nicht nur mit der Beziehung zum Kind stillt.

Familie Kunterbunt

Heute finden wir die verschiedensten Familienformen – auch in den christlichen Gemeinden. Viel Flexibilität ist gefragt, wenn beide Elternteile Kinder aus den früheren Ehen mitbringen und dann noch gemeinsame Kinder haben. Es ist wichtig, dass man keine überhöhten Erwartungen hegt. Das Leben in der Patchworkfamilie ist anstrengend, es gibt mehr Reibungsflächen. So sehr man sich auch anstrengt – man wird nie wie eine Kernfamilie zusammen leben können.
Kinder brauchen Halt und Kontinuität. Die neue Familie, sei dies mit nur einem Elternteil oder mit einem neuen Partner, braucht deshalb möglichst rasch die kleinen Rituale des Alltags. Zum Beispiel die Geschichte vor dem Einschlafen, den vertrauten regelmässigen Besuch  bei der Oma, das Lieblingsessen und die Freunde aus der Jungschar.

In Märchen spielen Stiefväter oder Stiefmütter jeweils eine unheilvolle Rolle. In Wirklichkeit ist der Ruf wohl schlechter als die Realität. Viele Stiefelternteile bemühen sich, der ungewohnten Rolle gerecht zu werden. Kinder empfinden jede neue Beziehung, die ein Elternteil eingeht, als Bedrohung; sie werden aktiv versuchen, den ungebetenen Eindringling loszuwerden. Als Stiefmutter / Stiefvater wird man nie die Rolle des leiblichen Elternteils übernehmen können. Auch wenn man sich noch so Mühe gibt, wird das Kind mit fliegenden Fahnen zum leiblichen Elternteil wechseln, wenn dies möglich ist. Erwarten sie also nicht zu viel vom Kind. Für den Stiefelternteil ist es eine Versuchung, sich mit der leiblichen Mutter / dem leiblichen Vater zu vergleichen. Vielleicht ist er / sie hübscher, jünger und dadurch auch vitaler. Kinder lassen sich zuerst vielleicht durch Äusseres verführen, aber sie werden letztlich ihre leiblichen Eltern verteidigen. Man gewinnt das Vertrauen der Kinder, wenn man die leiblichen Eltern nicht kritisiert.

Allzu viele Miterzieher

Scheidungskinder haben jede Menge Miterziehende: Mutter, Vater, Stiefmutter, Stiefvater, Oma und die Leute von der Kinderkrippe. Dies kann für ein Kind verwirrend werden. Da ist es hilfreich, wenn man darauf achtet, dass die Regeln in der Kernfamilie klar sind. Das Kind erfasst erstaunlich rasch, was in welcher Welt gilt. Im bunten Mix der Patchworkfamilie soll eine eigene Kultur des Zusammenlebens gefördert werden. Feste Abläufe, Regeln und Rituale vereinfachen das lebhafte Gefüge: die Besuchstage der Kinder laufen nach demselben Schema ab, die Kinder der Exfrau haben ihr Zimmer oder wenigstens eine Ecke mit ihren Spielsachen in der Wohnung oder am Sonntag gibt es immer um 11 Uhr Brunch.

Wie viel hat der Stiefelternteil zu sagen? Er ist mit dem Kind nicht verwandt und hat auch vor dem Gesetz wenig Rechte. Umso wichtiger ist die Absprache zwischen dem ‘neuen’ Elternpaar. Dabei kann man die Pflichten auch aufteilen. Der Vater macht die Hausaufgaben mit seinen Kindern, und die Mutter paukt mit ihrer Tochter. Ich beobachte oft, dass Mütter im Innersten mehr zu ihren eigenen Kindern halten als zum neuen Ehemann. Wenn es hart auf hart käme, würden sie sich für die Kinder entscheiden. Das macht die Rolle des Stiefvaters nicht einfacher. Er ist im neuen Familiengeflecht in gewisser Weise ein Aussenseiter, der sich zwar positiv einbringen kann, aber der letztlich kein Entscheidungsrecht im Bezug auf die Kinder hat. Es braucht deshalb klare Absprachen, inwiefern der leibliche Elternteil überhaupt eine Einmischung erlaubt.

Die Patchworkfamilie ist eine Art Wohngemeinschaft, die stärker noch als die normale Familie auf das freiwillige Mitwirken aller angewiesen ist. Sie pulsiert vor Leben, ist aber auch anfälliger für Turbulenzen. Zwischendurch braucht das Kernpaar Oasen der Ruhe und Zeit um seine Batterien aufzuladen.