Im Februar 2007 berichtete die Basler Zeitung über ein christliches Kinderprojekt in Berlin. Das Ziel der Arbeit ist, junge Menschen von der Strasse wegzubringen. Die Kinder, die dort hinkommen, sind lieber wo anders als zu Hause. Die Leitung der Einrichtung hat den Eindruck, dass die Verwahrlosung in den Familien zunimmt. Der Bericht zeigt, dass viele Eltern oder Alleinerziehende der Aufgabe der Erziehung ihrer Kinder nicht mehr gewachsen sind. Dies bestätigen Schulkonferenzen, die sich neben schulischen Leistungen mehr und mehr mit Beziehungsproblemen von Kindern und Jugendlichen in Schule und Elternhaus zu befassen haben.
Folgende Gründe haben zu den zunehmenden Erziehungsproblemen geführt:
Auflösung der Familie: Das Bild von der Familie, die am Frühstücks-, Mittags- oder Abendbrottisch zusammensitzt, wird immer mehr zum Ausnahmefall. Kinder kommen ohne gefrühstückt zu haben zur Schule. In anderen Fällen leben Eltern getrennt. Nur ein Elternteil ist für das Kind verantwortlich und muss für den Lebensunterhalt sorgen.
Keine Antwort auf die Sinnfrage und Werteverfall: Richter beklagen dass jugendliche Straftäter häufig keinen Grund für ihr Verhalten angeben können. Sie erklären fast übereinstimmend, sie wüssten nichts mit dem Leben anzufangen. Mit dem Verlust irgendeines Lebenssinns geht ein Werteverfall einher, der sich an vielen Stellen zeigt.
Fehlende oder schlechte Vorbilder: Die Welt blickte in den letzten Monaten entsetzt auf die Tour de France. Eine Zeitung schrieb: «Die Tour de France droht im Doping-Sumpf stecken zu bleiben.» Wen wundert es, dass Jugendliche sich an diesen Sportlern ein Beispiel nehmen und ebenfalls zu faulen Tricks Zuflucht nehmen, wenn sie in einer Gesellschaft, in der nur noch Erfolg und Höchstleistung zählen, an ihre Grenzen stossen.
Im Jahr 2006 hat Bernhard Bueb für Wirbel gesorgt mit seinem Buch ‘Lob der Disziplin’. Seine These: Der Laisser-faire-Stil in der Erziehung, weithin geprägt durch die sog. 68-er Generation, ist ebenso gescheitert wie ein Programm für Kinder und Jugendliche, das nach der Formel «Ich. Alles. Sofort.» die Erziehung in eine Serviceleistung der Erwachsenen für kleine und mittlere Monster verwandelt hat. Bueb plädiert für Ordnung, für klare Regeln und Disziplin, manchmal auch ohne Debatte. Zwischen Vergehen der zu Erziehenden und Vergeltung dürfe kein Wort Platz haben. Ist das die Antwort auf die Erziehungsproblematik?
Wer die Bibel als eine Art Lexikon für Erziehungsfragen gebrauchen will, der wird zunächst vielleicht enttäuscht. Er findet keine ausformulierten Anweisungen, zum Beispiel «Wie lange soll ich zum Verhalten meines Kindes schweigen?» oder «Wann sollte ein Vergehen vergolten werden und wie?» Ich denke, das ist gut so, denn jedes Kind ist ein Original und kann nicht nach einer Art ‘Gebrauchsanweisung’ erzogen werden. Dennoch gibt die Bibel die entscheidenden Hinweise für rechte Erziehung, und sie gibt auch den Mut dazu. Im ersten Buch der Bibel lesen wir: «Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bild Gottes schuf er ihn» (1.Mose 1,27). Was ist uns damit gesagt? Ich denke dreierlei:
Freilich darf an dieser Stelle nicht vergessen werden, dass zwischen 1.Mose 1 und uns die Geschichte vom Sündenfall liegt. Es geht ein Bruch durch das Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen. Zu der Aussage, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat, gehört auch die andere, dass Menschen von Geburt an der Herrschaft der Sünde und Rebellion gegen Gott verfallen sind. Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Gott hat seinen Sohn auf die Erde gesandt, der das vollkommene Leben in der Gemeinschaft mit Gott gelebt hat. Durch ihn ist auch uns der Weg in die ungetrübte Gottesgemeinschaft wieder offen, freilich so, dass Gottesgemeinschaft nur unter lebenslanger Vergebung und glaubender Hingabe an Gott erfahren wird. Doch darf der Glaube gewiss sein, dass der, welcher das gute Werk angefangen hat, es auch zum Ziel bringen wird.
Unter Erziehung verstehen wir die Führung junger Menschen durch Eltern und speziell geschulte Menschen. Sie wollen Kinder und Jugendliche auf die Herausforderungen des späteren Lebens vorbereiten und ihre Persönlichkeit heranbilden und fördern. Uns sind anhand der biblischen Aussagen klare Leitlinien für die christliche Erziehungsarbeit gegeben:
Erziehung hat Gottes Verheissung. Gott hat jedes Kind nach seinem Bilde geschaffen. Deshalb können sich Eltern im Vertrauen auf Gott grosse Ziele setzen, die sich an Gottes Verheissungen ausrichten. Gottes Absicht, Menschen nach seinem Bilde zu schaffen, gibt Erziehenden Zuversicht, dass Gott ihr Gebet für eine erfolgreiche Erziehung, die sich an Gottes Wort orientiert, auch erhören wird.
Wer das biblische Bild vom Menschen vor Augen hat, der macht sich keine Illusionen, dass er den perfekten Menschen durch Erziehung oder ein ständiges Training schaffen könnte. Erziehung ist eine notwendige Massnahme, um Chaos und Gesetzlosigkeit in dieser Welt zu verhindern. Mehr kann Erziehung nicht leisten. Das hat uns die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts gelehrt. Ohne Gottes Eingreifen als Antwort auf unser anhaltendes Gebet, sind die Aussichten für eine nachhaltige Erziehungsarbeit nicht Erfolg versprechend.
Zur gegenwärtigen Diskussion um Disziplin und Vergeltung ist zu sagen: Ohne Disziplin und klare Regeln geht es in Familie und Gesellschaft nicht. Aber den Satz von Bueb «Zwischen Vergehen und Vergeltung darf kein Wort Platz haben.» kann ich als christlicher Erzieher so nicht nachsprechen. Denn, wer Gottes Geduld und Vergebung tagtäglich in seinem Leben erfahren hat, der wird auch Geduld und Kreativität der Liebe bei denen aufbringen, die ihm als Erziehendem anvertraut sind.
Dem Vorbild kommt in der Erziehung eine grosse Bedeutung zu. Wer recht erziehen will, muss sich selbst von Gott täglich in seine Erziehung nehmen lassen, wie könnte er sonst 1.Mose 1,27 ernst nehmen? Hier sind wir als Christen aufgerufen, Zeichen zu setzen, damit auch andere Gott kennen lernen und Mut zum Erziehen bekommen.
| Dieser Artikel erschien im Chrischona-Panorama 7-2007 auf Seite 12-13 |