Thema: Mut zur Erziehung

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«Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn»

#25903
MATTHIAS CLAUDIUS

Auszüge aus einem Brief an seinen Sohn Johannes aus dem Jahr 1799


Lieber Johannes

Die Zeit kömmt allgemach heran, dass ich den Weg gehen muss, den man nicht wieder kömmt. Ich kann dich nicht mitnehmen und lasse dich in einer Welt zurück, wo guter Rat nicht überflüssig ist. Niemand ist weise von Mutterleibe an; Zeit und Erfahrung lehren hier.

Es ist nicht alles Gold, lieber Sohn, was glänzet, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab, auf den man sich verliess, brechen sehen. Es ist nicht für ihn gleichgültig, ob er rechts oder links gehe. Lass dir nicht weismachen, dass er sich raten könne und selbst seinen Weg wisse. Halte dich zu gut, Böses zu tun. Hänge dein Herz an kein vergänglich Ding. Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir müssen uns nach ihr richten. Was du sehen kannst, das siehe, und brauche deine Augen, und über das Unsichtbare und Ewige halte dich an Gottes Wort.

Scheue niemand so viel als dich selbst. Inwendig in uns wohnet der Richter, der nicht trügt, und an dessen Stimme uns mehr gelegen ist als an dem Beifall der ganzen Welt und der Weisheit der Griechen und Ägypter. Lerne gerne von andern, und wo von Weisheit, Menschenglück, Licht, Freiheit und Tugend geredet wird, da höre fleissig zu. Doch traue nicht flugs und allerdings, denn die Wolken haben nicht alle Wasser, und es gibt mancherlei Weise.

Der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll. Und der ist nicht weise, der sich dünket, dass er wisse; sondern der ist weise, der seiner Unwissenheit inne geworden und durch die Sache des Dünkels genesen ist. Wenn es dir um Weisheit zu tun ist, so suche sie und nicht das deine. Lehre nicht andre, bis du selbst gelehrt bist. Nimm dich der Wahrheit an, lass dich gerne ihretwegen hassen. Tue das Gute vor dich hin, und bekümmre dich nicht, was daraus werden wird. Wolle nur einerlei, und das wolle von Herzen.

Sorge für Deinen. Leib, doch nicht so, als wenn er deine Seele wäre. Gehorche der Obrigkeit, und lass die andern über sie streiten. Sei rechtschaffen gegen jedermann, doch vertraue dich schwerlich. Mische dich nicht in fremde Dinge, aber die deinigen tue mit Fleiss. Schmeichle niemand, und lass dir nicht schmeicheln. Werde niemand nichts schuldig; doch sei zuvorkommend, als ob sie alle deine Gläubiger wären. Wolle nicht immer grossmütig sein, aber gerecht sei immer. Mache niemand graue Haare, doch wenn du Recht tust, hast du um die Haare nicht zu sorgen. Hilf und gib gerne, wenn du hast, und dünke dir darum nicht mehr; und wenn du nicht hast, so habe den Trunk kalten Wassers zur Hand.
 
Tue keinem Mädchen Leides und denke, dass deine Mutter auch ein Mädchen gewesen ist. Sage nicht alles, was du weisst, aber wisse immer, was du sagest. Hänge dich an keinen Grossen. Sitze nicht, wo die Spötter sitzen, denn sie sind die elendesten unter allen Kreaturen.
Nicht die frömmelnden, aber die frommen Menschen achte. Ein Mensch, der wahre Gottesfurcht im Herzen hat, ist wie die Sonne, die da scheinet und wärmt, wenn sie auch nicht redet. Tue, was des Lohnes wert ist, und begehre keinen. Wenn du Not hast, so klage sie dir und keinem andern. Habe immer etwas Gutes im Sinn. Sinne täglich nach über Tod und Leben, ob du es finden möchtest, und habe einen freudigen Mut; und gehe nicht aus der Welt, ohne deine Liebe und Ehrfurcht für den Stifter des Christentums durch irgendetwas öffentlich bezeuget zu haben.

Dein treuer Vater