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Erziehung heute: Worauf es wirklich ankommt

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INGRID UND THOMAS PFEIFER

Die grösste Herausforderung für die Kinder unserer Zeit sehen wir im Zerbruch der Familien und den damit zusammenhängenden Beziehungen. Dass ein sechsjähriger Junge seiner Mutter sagt: «Ich heirate nie, weil ich sonst immer Angst haben müsste, dass meine Frau fortgeht», zeigt, welchen Einfluss solche Ereignisse in unserer Gesellschaft auf Kinder haben. Sie leiden unter dem Verlassensein beziehungsweise unter der Angst davor. Alleinsein nimmt Kindern die Chance, reich zu werden an Erfahrungen, die die Gemeinschaft von Menschen ihnen ermöglichen würde. Alleinsein ist Armsein an Vertrauen, Liebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl und Selbstbewusstsein.

Diese Haltungen oder Gesinnungen vermissen wir bei Kindern und Jugendlichen in Schule, Kindertagesstätte und auch in der christlichen Jugendarbeit. Die ‘Ichbezogenheit’ der Gesellschaft bietet ihnen diesbezüglich keine Vorbilder und Lernfelder. Man trennt sich, wenn es schwierig wird, man fordert sein Recht und hat Recht. Anstatt zu lieben, haben wir Angst zu kurz zu kommen; wir ziehen die Besserwisserei der Umkehrbereitschaft vor und dem Dienen die Verantwortungslosigkeit.

Wenn unser Glaube Einfluss auf die Erziehung unserer Kinder haben soll, brauchen wir die Bereitschaft, unsere Überzeugungen vom Wort Gottes überprüfen und prägen zu lassen.
Mit unseren Überzeugungen erklären und deuten wir unsere Zeit, Gott und die Welt. Deshalb finden wir viele Texte in der Bibel, die mit Überzeugungen und Deutungen der jeweiligen Zeit gefüllt sind. Denken wir nur einmal an die Bücher der Propheten, Gott selber hat ein Interesse, uns nicht im Unklaren zu lassen.

1. Die Zeichen der Zeit verstehen

«Kinder, es ist die letzte Stunde!» Daran erinnert der Apostel Johannes seine Gemeinde (1. Joh. 2,18). Seine Analyse hat heute noch mehr an Gültigkeit und Dringlichkeit gewonnen. Unsere Welt ist an äusseren und inneren Erschütterungen reicher, die ‘Wehen’ werden stärker und ihre Abstände kürzer, der Begriff ‘letzte Zeit’ gefüllter und dichter. Vor allem aber ist unser Lebensgefühl, unser Denken und Handeln dabei, global zu werden. Das ist der eigentliche Klima- und Epochenwandel, in dem wir uns befinden. Weil in solchen Phasen der Geschichte der Anpassungsdruck in besonderer Weise zunimmt, rät Johannes im selben Brief: «Habt nicht lieb die Welt und was in der Welt ist!» Das fordert uns auf zu handeln.

Wenn das stimmt, was ist dann für den Erziehungsalltag wichtig? Wie können wir auf diese Zeitdeutung angemessen reagieren?

2. Den Sinn erneuern

«Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene» (Römer 12,2). Nicht auf Gleichstellung, auf Anpassung, sondern auf die Erneuerung der Gesinnung kommt es an. Unsere Gesinnungen sind besonders umkämpft, weil wir uns dadurch in dieser ‘letzten Zeit’ unterscheiden und ausweisen. Was aber ist mit Gesinnung gemeint? Gesinnung beschreibt eine Haltung, eine grundlegende Einstellung die ein Mensch hat. Durch Gesinnungen wird unser Denken geformt und geprägt und schliesslich auch unser Handeln. Gesinnungen ‘liegen’ unter dem Denken, sie sind fundamental; sie bilden die Wurzeln; sie begründen und leiten unser Denken, unsere Weltanschauung und unser Handeln. Unser Denken, unser Verstand, folgt also unseren Gesinnungen und unsere Taten folgen unserem Denken.

Man kann es in einem Gedankenexperiment leicht nachvollziehen: Ein neidischer Mensch, denkt über Unterschiede von Menschen anders nach als ein dankbarer, natürlich kommt er auch zu anderen Handlungsweisen. Ein Zorniger reagiert anders in Konfliktsituationen als ein Friedfertiger. Deshalb weist uns Paulus an die Gesinnung Jesu: «Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht» (Phil. 2). Von dort, von der Wurzel her, kommt Erneuerung.

Vier dieser Wurzelgesinnungen, die sich im Evangelium finden, seien hervorgehoben:
Die Liebe zu Gott und zum Nächsten: Sie ist Wesen Gottes, sie ist die Mitte (Markus 12,29-34).
Die Gottesfurcht: Sie ist der Anfang aller Weisheit und aller Erkenntnis (Spr. 1,7; Apg. 9,31).
Die Bussfertigkeit und Umkehrbereitschaft: Das Reich Gottes beginnt mit ihr (Mk. 1,15).
Die Dienstbereitschaft: Alles Handeln der Menschen soll das Dienen sein (Mt. 20,26; 1.Petr. 4,10).

Es lohnt sich, die Zusammenhänge und Bedeutungen dieser Gesinnungen in der Konkordanz zu entdecken. Es wird nicht überraschen: Liebe, Gottesfurcht, Umkehr- und Dienstbereitschaft verbinden, bringen zusammen und machen Gemeinsames möglich. Die Auswirkung dieser Gesinnungen heilt die Not unserer Zeit, ihre Trennungen und Zerbrüche. Es lohnt sich auch, die Alternativen dieser Gesinnungen und deren Folgen für unsere Gesellschaft vor Augen zu haben.

3. Der Gnade Gestalt geben

«Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben» (Tit. 2,11). Gesinnungen werden von Eltern im alltäglichen Erziehungsprozess weitergegeben. Vater und Mutter bilden zusammen eine Gemeinschaft, die ihre Gesinnung transportiert. Durch ihr Miteinander bauen sie ein Gesinnungshaus, in dem ihre Kinder leben. Wie können Gesinnungen Gestalt gewinnen? Welche Atmosphäre, welche Kultur verbreiten sie?
3.1. Die Gesinnung der Liebe: Kultur der Verlässlichkeit
Liebe zeigt sich in Treue und Verlässlichkeit und vor allem in der Tat. Treue auch in Zeiten der Konfrontation. Mit Liebe ist in der Bibel ‘Bundesliebe’ gemeint.

Fragen: Wie halten wir es mit Zusagen und Versprechen? Wie stark können wir uns aufeinander verlassen? Weichen wir Konflikten und damit einander aus? Was gilt das gegebene Wort? Welche Zeichen tätiger Liebe entwickeln wir zueinander in Ehe und Familie?
3.2. Die Gesinnung der Gottesfurcht: Kultur der Achtung
Gottesfurcht zeigt sich im Bewusstsein des Heiligen und der Autorität. Ohne Gottesfurcht keine Menschenwürde und kein Respekt vor der Schöpfung.

Fragen: Wie drücken wir den Respekt vor Gott und seinem Wort in unserer ‘Familienöffentlichkeit’ aus? Welche Zeichen setzen wir? Was respektieren wir in unserem Miteinander? Wie schützen wir den gegenseitigen Ruf, die Würde des Ehepartners und unserer Kinder?
3.3. Die Gesinnung der Umkehr(bereitschaft): Kultur der Lernbereitschaft und Gnade
Umkehrbereitschaft zeigt sich im Umgang mit eigenen Fehlern und Irrtümern und denen von anderen. Mit Umkehr beginnen die grossen Dinge des Reiches Gottes und unseres Lebens. Die nur Wissenden neigen zur Umkehrresistenz. Wer umkehren kann, kann auch um Vergebung bitten und sie gewähren.

Fragen: Wie lernbereit und lernwillig sind wir und ist unsere Familie, wie stark ist die Bereitschaft ausgeprägt, sich korrigieren und raten zu lassen? Wo kommt es unter uns zu Rechthaberei? Wie gehen wir mit Sünde um? Können wir um Vergebung bitten und sie um Jesu willen auch gewähren? Haben wir in unserer Ehe, in unsere Familie regelmässige Beratung von ausserhalb etabliert – und das nicht nur im Krisenfall? Gibt es so etwas wie einen Familienrat, in dem jeder Sitz und Stimme hat?
3.4. Die Gesinnung des Dienens: Kultur der Verantwortung
Wer dient, hat Auftrag (Berechtigung) und Ausrüstung (Vollmacht) von jemandem erhalten, dem er Rechenschaft gibt. Man kann die Zusammenhänge schon bei Adam und Eva nachlesen. Gott macht uns als seine Dienerinnen und Diener zu Verantwortungsträgern. Dabei ist dienen immer ‘für Dich’, nicht ‘für mich’. Wer dient, zielt über die eigene Person, die eigene Ehe, die eigene Familie hinaus ins Grössere.

Fragen: Wie mutig sind wir, unseren Kindern Aufgaben und Verantwortung zu übertragen und sie dabei zu unterstützen? Sprechen wir über das, was jeder in Familie, Gemeinde und Beruf verantwortet? Übernehmen wir als Ehepaar oder Familie Verantwortung in Gemeinde und Gesellschaft? Wem geben wir darüber Rechenschaft? Wie verantworten wir uns?
4. Den Glauben offensiv leben
In diesen ‘letzten Stunden’ neigen manche zum Rückzug und wollen die Tür der Arche schon selber schliessen. Andere sehen eher die Gunst der Stunde und ihre offenen Türen für das Evangelium. Was sollen wir tun? Neben den Bildern von Salz, Licht und der Stadt in der Bergpredigt gibt uns der Rat Jeremias an die ‘Weggeführten in Babel’ (Jeremia 29) einen weiteren Hinweis: er enthält die beiden wesentlichen Elemente von ‘Sammlung’ und ‘Sendung’, die für Gottes Volk im Exil wichtig sind. Dort in der Fremde soll sich ihre Gottesbeziehung, ihre Sammlung erneuern (V. 12-14). Dort in der Fremde soll auch ihr Dienst in der Welt, ihre Sendung neu, lebendig und frisch werden. Vor allem Erziehung braucht Sammlung. Denn Erziehung ist Kulturweitergabe nicht nur einer Familie, sondern einer ganzen Gruppe, einer Gemeinde, eines Volkes und kann deshalb nur gemeinsam gelingen.

Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, dass sich Eltern in Gemeinden in Selbsthilfegruppen oder Erziehungsinitiativen zusammenschliessen, um sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Der gemeinsame Glaube und die gelebte Gemeinde bilden dafür die Basis. Die Jugendarbeit der Gemeinde und die Erziehung der Eltern, wenn sie aus einer Quelle gespeist und gemeinsame Ziele verfolgen, sind eine weitere Stütze. Das wird nicht ohne Wirkung bleiben in Nachbarschaft, Kindergarten und Schule. Darum: «Erhebt eure Häupter!»