Liebe Leserin, lieber Leser
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| Dr. Markus Müller, Direktor |
Seit 1964 ist vorwiegend in Deutschland die Rede von einer ‘Bildungskatastrophe’. Die Adresse des Alarmes waren vor allem die Bildungspolitiker. Der Grund lag im scheinbaren Mangel an Akademikern und Akademikerinnen in der modernen Welt. Sehr viel stärker betroffen war der ganz normale Bürger, als Ende der 90-er Jahre plötzlich die Rede von der ‘Erziehungskatastrophe’ war. Sowohl von Eltern und Lehrern als auch von haupt- und ehrenamtlichen Jugendarbeitern und Jugendarbeiterinnen kam kein Widerspruch. Ein Virus der Verunsicherung ging um. Viele Fragen tauchten auf: Wer ist Schuld an Schwierigkeiten in der Schule und im Elternhaus? Was kann der Lehrer oder die Lehrerin tun, wenn die Eltern nicht mitspielen? Muss man im Bereich der ehrenamtlichen Jugendarbeit ein halber Sozialpädagoge sein? Muss ich als Vater, der doch davon ausgeht, alles im Griff zu haben, eingestehen, dass ich auf Hilfe in der Erziehung angewiesen bin?
Bedenke ich möglichst vorurteilsfrei die Gespräche sowohl innerhalb unserer eigenen Ehe als auch innerhalb unseres Theologischen Seminars, so liegt es auf der Hand: die meisten herausfordernden Fragen haben mit Erziehung und unterlassener Erziehung zu tun. Ich gestehe, öfters auch mal zu denjenigen zu gehören, die sich und anderen Vorwürfe angesichts all des Unterlassenen und Schiefgelaufenen im Bereich der Erziehung machen. Allerdings stimmt auch: Immer dann, wenn sich auf geheimnisvolle Art klärt, welche Wege gerade trotz all dem erzieherisch Unterlassenen und Schiefgelaufenen gegangen werden können, entsteht Hoffnung.
Hoffnung und Mut zu stiften ist das Anliegen dieser Ausgabe von ‘Chrischona-Panorama’. Paulus schreibt Titus vom «Erscheinen der heilsamen Gnade Gottes» (Titus 2,11). Das Überraschende: Diese Gnade ist nicht einfach nur schön zu empfangen, sondern diese Gnade «erzieht» (Zürcher-Übersetzung). Wo von Gnade die Rede ist, liegt folglich immer auch Erziehung in der Luft. Gnade ist nichts Billiges, vielmehr etwas sehr Kostbares. Etwas so sehr Kostbares, dass alles Vergangene, alles bisher Schräge und Ungute in meinem Leben und im Leben des andern eine Chance bekommt. Alle (erzieherische) Vergangenheit ist nicht Gefängnis, sondern Boden, auf den Gnade fällt. Welch ein Vorrecht, so unterwegs sein zu dürfen!
Wenn Sie nach der Lektüre dieser Ausgabe Hoffnung trotz angeblichem erzieherischem Versagen gewonnen haben, die Notwendigkeit und die Chance des Zusammenwirkens von Familie, Schule und Freizeitarbeit erkennen können, die prägendsten gesellschaftlichen Einflüsse auf Erziehende und zu Erziehende erahnen,
in besonders herausfordernden Erziehungssituation, zum Beispiel als Alleinerziehend, ermutigt sind,
dann hat sich die Arbeit an dieser Ausgabe gelohnt. Wir, die wir an diesem Heft gearbeitet haben, wünschen Ihnen viel Mut zu erziehen. Wir glauben, dass weder die Bildungs- noch die Erziehungskatastrophe vorprogrammiert und damit unser Schicksal ist. Heilsame Gnade ist erschienen, auch zur Erziehung. Gott sei Dank!
Dr. Markus Müller
Direktor