Thema: Islam

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Das Stecken in Schubladen tut vielen Muslimen Unrecht

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DR. ANDREAS BAUMANN

Die Präsenz des Islam in unseren westlichen Ländern hat deutlich zugenommen. Das zeigt nicht nur ein Blick auf die Bevölkerungszahlen. Immer öfter werden unscheinbare Gebetsräume in Hinterhöfen durch Neubauten von Moscheen mit möglichst hohem Minarett ersetzt. Auch in gesellschaftlicher und rechtlicher Hinsicht setzen Muslime immer selbstbewusster ihre Interessen durch. Immer mehr Muslime sind heute nicht mehr nur ‘Gastarbeiter’, sondern als Staatsbürger dauerhaft zum Teil unserer Gesellschaft geworden. Der Islam ist eine der grössten Herausforderungen für die westlichen Gesellschaften und für uns als Christen geworden.

Zunächst einmal gibt es eine politische Dimension dieser Herausforderung. Seit dem 11. September 2001 ist hier so mancher in Politik und Kirche aufgewacht: Es gibt muslimische Gruppierungen, die eine ernste Gefahr darstellen.

Herausgefordert zur Wachsamkeit

Man muss manchmal etwas genauer hinschauen: Stimmt es tatsächlich, wenn eine islamische Vereinigung beteuert, man stehe hinter der staatlichen Verfassung mit der in ihr verbürgten Religionsfreiheit? Oder beansprucht man diese Freiheit nur für die eigenen Zwecke, lehnt sie im Grunde aber ab? Es ist Aufgabe des Staates, solche Gefahren mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu beobachten und wo nötig massiv durchzugreifen. Wir sollten beachten, dass sich hinter dem Begriff ‘Muslim’ eine grosse Vielfalt an Einstellungen und feinen Schattierungen verbirgt, wie etwa hinter dem Begriff ‘Christ’. Deshalb tun einfache ‘Schubladisierungen’ vielen Muslimen Unrecht. Wir sollten vor beidem warnen: sowohl vor einem naiven Umgang mit den Gefahren des Islamismus als auch vor einer pauschalen Verurteilung von Muslimen.

Herausgefordert zur Begegnung und zum Dialog

Zu Recht wurde in Medien kritisch darüber berichtet, welche Gefahren von islamistischen Gruppen ausgehen. Was haben diese Warnungen ausgelöst? Gerade bei Christen, die selbst keine muslimischen Bekannten haben, kann diese Art der Information zu ungesunden Einseitigkeiten führen: die Kluft zu dem kulturell ohnehin so fremd wirkenden muslimischen Mitbürger wird dadurch noch grösser. Weithin bestimmen auf beiden Seiten mehr Vorurteile das Verhältnis als echte persönliche Begegnungen. Aber da wir nun einmal Tür an Tür zusammenleben, müssen wir auch miteinander reden. Alles andere würde vorhandene Spannungen nur verschärfen und wäre gefährlich. Offizielle Islamkonferenzen sind nur ein Element. Genauso wichtig ist die alltägliche Begegnung von Mensch zu Mensch; das persönliche Gespräch in Nachbarschaft, Schule und am Arbeitsplatz. Wer wirklich offen ist für die Begegnung mit Muslimen, wird dabei viele interessante und gute Erfahrungen machen. 

Herausgefordert zum Zeugnis der Liebe

Als Christen sind wir dazu berufen, unseren Nächsten zu lieben. Dabei ist unser muslimischer Nachbar zunächst ein Mensch wie wir: jemand, der die Gnade, Liebe und Vergebung Gottes nötig hat. Auch für ihn ist Christus gestorben (1.Joh. 2,2), auch ihn will er erreichen (1.Tim. 2,4), auch zu ihm sendet er uns als seine Nachfolger (Mk. 16,15). Wir haben klar zu unterscheiden: die Lehre des Islam können wir aus christlicher Sicht nur ablehnen. Den Muslim als Mensch haben wir zu lieben. Weltmissionarisch betrachtet hat uns Gott in eine besondere Situation gestellt, die wir als Christen bisher nicht genug genutzt haben. Wo könnten wir einen Ausländermissionar unterstützen oder selbst aktiv werden? Vielleicht indem wir jemandem helfen: bei Ämtergängen, beim Deutsch lernen oder als Hausaufgabenhilfe? Es wird viele Möglichkeiten geben, natürlich von unserem eigenen Glauben zu erzählen. Wer sich erst einmal auf Muslime einlässt, wird eine erstaunliche Feststellung machen: es ist viel einfacher, mit einem Muslim über den Glauben ins Gespräch zu kommen, als mit einem Westeuropäer.  

Herausgefordert zur Umkehr zu unseren Wurzeln

Die Begegnung mit dem Islam kann uns als bewusste Christen neu ins Nachdenken bringen. Manche Muslime leben beispielsweise ihren Glauben mit grosser Selbstverständlichkeit und Intensität. Wie sieht das bei uns aus? Wie wichtig ist uns das regelmässige Gebet? Wann haben wir das letzte Mal gefastet? Ist für uns der Glaube nur Privatsache? Für Muslime ist der Glaube wichtig und gehört in die Öffentlichkeit. Das ganze Leben, ja die Gesellschaft soll vom Islam geprägt werden. Sicher unterscheiden wir als Christen zu Recht zwischen Staat und Kirche. Staatliche Zwangsmittel oder gar Gewaltanwendung lehnen wir für die Erreichung religiöser Ziele bewusst ab. Und doch stellt uns das islamische Religionsverständnis vor die Frage, ob wir bereit sind, mit unserem Glauben an die Öffentlichkeit zu treten und darauf hinzuweisen, dass es Gott nicht egal ist, wie wir in unseren Ländern leben.

Doch sollten wir nicht anfangen, unseren eigenen Glauben zu ‘islamisieren’. Es geht uns als Christen nicht nur um eine Reihe von Glaubenssätzen oder um ein Bündel von Verhaltensregeln. Als Christen betrachten wir es als unsere höchste Berufung, als geliebte Kinder Gottes in einer vertrauensvollen persönlichen Beziehung zu unserem himmlischen Vater leben zu dürfen. Für den Islam ist diese Vorstellung eine gotteslästerliche Verirrung. Aber stehen nicht auch wir manchmal in der Gefahr, uns im Alltag von diesem Kern unseres Glaubens zu entfernen und in blosser Religiosität stecken zu bleiben?

Der Islam bedeutet tatsächlich in vielerlei Hinsicht eine grosse Herausforderung für die westliche Christenheit. Dabei ist ein festes Glaubens- und Wertefundament das beste Rüstzeug und unverzichtbare Voraussetzung für diese Auseinandersetzung. Die wahre Gefahr lauert deshalb nicht zuerst in der äusseren Herausforderung durch den Islam, sondern wo es zur inneren Aushöhlung unserer christlichen Fundamente gekommen ist. Hier sind wir als Christen gefordert. Schon Martin Luther – zu dessen Lebzeiten die islamischen Heere vor Wien standen – hat darauf hingewiesen, dass die Auseinandersetzung mit dem Islam sich zuerst in unseren Herzen entscheiden wird. Ob er damit so Unrecht hatte?

 

 Dieser Artikel erschien im Chrischona-Panorama 6-2007 auf Seite 8