Wie finde ich Freunde? Eine interessante und herausfordernde Frage. Die meisten Menschen wünschen sich wenigstens einen Freund. Und entscheiden oft schnell. Nach Aussehen, nach Sympathie, nach Status. Doch Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Denn nicht jeder potentielle Freund passt auch zu uns. Wie also können wir wirklich gute Freundschaften bauen?
Freunde finden ist wie sieben: es braucht einen Prüfungs- und Entwicklungsprozess, durch den wir die Vielzahl potentieller Freunde, unsere Eindrücke und Erfahrungen mit anderen Menschen filtern, um schließlich die Person zu finden, mit der wir wirklich Freundschaft schliessen möchten. Vieles spielt sich dabei zunächst in unserem Inneren ab. Wir nehmen einen anderen wahr, erleben ihn als sympathisch, machen uns Gedanken über ihn: Wer ist dieser andere, wie ist er, was bewegt ihn, wie geht es ihm, wie meistert er sein Leben, welche Ziele hat er, welche Überzeugungen prägen sein Handeln? In ähnlicher Weise versuchen sich auch andere ein Bild von uns zu machen. Fühlen wir uns dann zueinander hingezogen, beginnt der eigentliche Entwicklungsprozess: Immer fein-fühliger filtern wir unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen mit dem anderen, bis wir uns schliesslich auf eine Freundschaft einlassen.
Der erste Kontakt mit einem potentiellen Freund ist meist wie bei einem Wäschekorb mit grossen Löchern. Er beinhaltet z.B. Gespräche über den Gartenzaun, beim Einkauf, bei der Arbeit. Man lernt sich näher kennen und spürt: da ist manches ‘hängen geblieben’, was mich am anderen interessiert.
Und schon geht es in die nächste Filter-Runde. Wie bei einem Salatsieb werden die Lücken enger justiert: Ich lade ein oder werde eingeladen. Zum Kaffee oder Tee, Spazieren, Schwimmen mit den Kindern, zur Velotour, zum Motorrad fahren oder Feierabendbier. Wir entdecken Stimmig- und Gemeinsamkeiten. Wir öffnen uns stärker für den anderen, prüfen, ob unser Vertrauen geachtet oder enttäuscht wird.
Nun kommt das Teesieb: Ich freue mich auf ein Zusammensein. Gebe zunehmend mehr Anteil an meinem Leben, mache mich damit auch verletzlich. Ich merke: Probleme können wir gemeinsam besser angehen und überwinden. Ich erlebe Akzeptanz und Hilfe und spüre, wie ich selbst das Leben des anderen bereichern darf.
Sind wir beim feinen Kaffeefilter angelangt, haben wir einen Freund gewonnen. Unsere Beziehung lebt von grossem Vertrauen und Offenheit, Hilfsbereitschaft und einem Füreinander-da-Sein. Unsere Freundschaft isoliert uns nicht von anderen, steht nicht in Konkurrenz zur eigenen Familie, sondern bereichert sie.
Wie wir eine Freundschaft bauen, hängt viel von unserer Persönlichkeit ab, von unserem Charakter, unserem biografischen Gewordensein. Die Kindheit spielt eine grosse Rolle, das Vorbild der Eltern, auch Erfahrungen von Vertrauensmissbrauch. So haben wir uns ein Verhaltensmuster zugelegt, das uns im Aufbau von Freundschaften unterstützt oder blockiert. Vielleicht wurden Sie von anderen verletzt und verhalten sich deshalb ängstlich wie eine Schnecke, die sich bei der leisesten Berührung in ihr Häuschen zurückzieht. Dann fassen Sie Mut und strecken Sie ihre ‘Fühler’ doch einmal in christlichen Kreisen aus. Sprechen Sie mit anderen über die eigenen Schwächen. Sie müssen ja nicht perfekt sein. Eine Leichtigkeit im Umgang mit sich selbst und seinem Gegenüber ist oft von Vorteil.
Anderen möchte ich raten: Seien Sie auch offen für Freundschaften zu Menschen ausserhalb der Gemeinde. Versuchen Sie, einen anderen so zu sehen, wie Gott ihn sieht. Ich selber pflege gerne Freundschaften zu Menschen, die sich in den Hügeln und Tälern dieser Welt verirrt haben. Mit ihnen bin ich unterwegs, auch auf dem Weg zum himmlischen Vater.
Zum Schluss: Freundschaften können auch in ‘Stürme’ geraten. Das muss keine Angst machen, selbst wenn die Wellen dabei auch mal hochgehen. Ziehen Sie die Schwimmweste des Glaubens an, und vertrauen Sie darauf: Wer sich Gott anvertraut, den wird er nicht untergehen lassen. Und freuen Sie sich, wenn der Sturm überstanden ist, und Sie in Ihrer Freundschaft zu neuen Ufern aufbrechen können.
| Dieser Artikel erschien im Chrischona-Panorama 5-2007 auf Seite 10 |