Gute Freunde sind ein Geschenk, ein Stück Lebensqualität – wie gute Beziehungen überhaupt. Was macht diese Lebensqualität aus? Was erwarten und erhoffen wir uns in der Beziehung zu anderen Menschen? Ich denke, in den meisten Menschen steckt der tiefe Wunsch, ‘dazuzugehören’, zugehörig zu sein. Man möchte zu einer Familie gehören, am Arbeitsplatz wollen wir gern in den Kollegenkreis eingebunden und nicht ausgeschlossen sein.
Ich fühle mich aufgehoben und akzeptiert als der Mensch, der ich bin. Menschen, die mich akzeptieren, die mir das Gefühl geben, dass ich liebenswert bin, sind Nahrung für meine Seele. Sie bewirken eine positive Verstärkung meines Selbstwertgefühls.
«Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei». Das ist eine der ersten Aussagen über den Menschen, die die Bibel macht. Offenbar ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, das Bedürfnis nach Gemeinschaft seit der Schöpfung in uns Menschen angelegt. Gute Freunde geben mir auch das Gefühl von mehr Sicherheit in meinem Leben. Denn von ihnen kann ich erwarten, dass sie mir helfen, wenn ich Hilfe brauche. Sie helfen mir, den schweren Schrank zu
transportieren, wenn ich umziehe. Sie fangen mich auf, wenn ich in einer Notsituation bin. Sie fragen nach, wie es mir geht. Sie rufen mich an, um mir deutlich zu machen, dass sie mir zur Seite stehen. «Vertraute Freunde sind wie ein Ort, an dem die Seele baumeln darf», so hat es jemand auf den Punkt gebracht. Das beinhaltet, dass zu einer Freundschaft auch Spiel, Spass, Freude, Unterhaltung und Geselligkeit gehören. Doch in Freundschaftsbeziehungen steckt noch etwas Tieferes, das uns zunächst gar nicht so bewusst ist. Eine gute Beziehung – manchmal auch eine schwierige – ist ein Ort, wo wir uns mit unserer Person weiterentwickeln können. Wo wir Anregung und Unterstützung zu weiterem Wachstum, zur weiteren Reife unserer Persönlichkeit finden.
Eine Ursache für die mangelnde Beziehungsfähigkeit in unserer Zeit liegt darin, dass sie schlichtweg in vielen Familien nicht mehr gelernt wird. Familie ist der Ort, wo zuerst gelernt wird, wie man miteinander umgeht. Wo man umeinander weiss, sich unterstützt, sich hilft, Lasten gemeinsam trägt, aber auch Krisen und Konflikte bewältigt. Das geschieht heute vielfach nicht mehr. So gibt es oft kaum noch gemeinsame Mahlzeiten in den Familien. Aber gemeinsame Mahlzeiten sind der Ort, wo es sich am natürlichsten ergibt, miteinander zu reden und so die Beziehung in der Familie zu pflegen.
Ein weiteres Haupthindernis für gute Beziehungen ist der übersteigerte Individualismus in unserer Gesellschaft. Aber Beziehung hat auch immer etwas damit zu tun, um eines anderen Menschen willen an den eigenen Wünschen Abstriche zu machen. Ich muss mich mit einem anderen Menschen arrangieren, Kompromisse machen, Rücksicht nehmen, Verzicht üben. Ich muss mich auf einen anderen Menschen einlassen. Ich muss auch etwas von mir hergeben, mich öffnen, Vertrauen investieren, und das ist nicht möglich ohne das Risiko, dass Vertrauen auch enttäuscht werden kann. Es gibt ‘Folgekosten’, wenn ich mich mit jemandem vertraut mache. Diese Kosten scheuen viele.
Freundschaft kann entstehen wie ein unerwartetes Geschenk, das auf mich zukommt. Es kann sein, ich lerne bei irgendeiner Gelegenheit einen Menschen kennen, und dieser Mensch bringt plötzlich etwas in mir zum Klingen. Ich spüre so etwas wie eine innere Verwandtschaft mit ihm, die uns verbindet. Geht es diesem anderen Menschen ebenso wie mir, kann das der Beginn einer Freundschaft sein, die mir ganz ohne mein Zutun zugefallen ist – eben ein Geschenk.
Manchmal geht es uns auch so, dass wir dieses Angerührtsein wohl spüren, aber nicht wagen, auf den betreffenden Menschen zuzugehen, vielleicht, weil die Unterschiede in Rang und Bedeutung zwischen uns zu gross erscheinen; weil wir uns unbedeutend und dieser Freundschaft nicht würdig fühlen. Könnte es sein, dass unsere Freundschaft mit Gott unter dem gleichen Phänomen leidet? Können wir uns mit einem ‘Höhergestellten’ – und das ist Gott ja zweifellos – eine Freundschaft nur schwer vorstellen? Er, der Herrscher dieser Welt; er, der den ganzen Kosmos regiert, wie kann er Interesse haben an der Beziehung zu mir kleinem Menschen? Und wenn: müsste ich mir diese Beziehung dann nicht auf jeden Fall zuerst verdienen? Ich muss tun, was er möchte. Ich muss möglichst untadelig vor ihm dastehen.
Und doch bietet uns Gott seine Freundschaft eben genau als solch ein Geschenk an, das uns unverdient entgegenkommt. Auch zwischen Gott und Mensch gibt es etwas, was uns im Innersten verbindet. Gott hat den Menschen als sein Gegenüber geschaffen. Er will mit ihm in Verbindung leben. Unsere tiefste Sehnsucht als Menschen ist es – ob es uns bewusst ist oder nicht –, diese Verbindung wieder herzustellen. Unsere Sehnsucht ist, diese Verbindung nicht nur als eine dogmatische Wahrheit zu begreifen, sondern als Freundschaft zu erleben, die auch unsere Sehnsucht nach Liebe stillt, also wahrgenommen, geschätzt und berührt zu sein. Solche Begegnungen können wir nicht machen. Wir können sie uns auch nicht erarbeiten. Doch wir können uns dafür öffnen und sie empfangen wie ein unerwartetes Geschenk, wenn sie uns geschenkt werden. Freundschaft ist – bei allem, was ich selbst dazu beitragen kann – ein Geschenk. Sei es in der Begegnung mit Menschen, sei es in der Begegnung mit Gott. Es ist wohl die schönste Art und Weise, wie ich Freundschaft erleben kann.
| Dieser Artikel erschien im Chrischona-Panorama 5-2007 auf Seite 6 |