Thema: Was prägt unser Denken und Handeln?

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Was zählt ist Gnade statt Leistung

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Beate Gsell

Dr. Urs Fromm setzt sich als Arzt in besonderer Weise für seine Mitmenschen ein. Viele Jahre liess er sich von seiner humanistischen Einstellung nach dem Motto «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut» leiten. Doch als er alle erstrebenswerten Ziele erreicht hatte, fühlte er eine Leere, die niemand ausfüllen konnte. Im Interview mit Beate Gsell gibt er Einblick in sein Leben und erzählt, wie es zu einer Kehrtwende kam.

Herr Dr. Fromm, werden Sie manchmal auf Ihren Nachnamen angesprochen?
Da gibt es zwei Fragen. Die erste heisst: «Sind Sie mit Erich Fromm verwandt?» Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten, weil keine verwandtschaftlichen Beziehungen bestehen. Die zweite Frage lautet: «Sind Sie auch fromm?» Bevor ich eine Beziehung zu Gott hatte, antwortete ich mit einem etwas verlegenen Nein. Heute sage ich: «Wenn Sie unter ‘fromm’ verstehen, dass man eine Beziehung zu Jesus Christus hat, bin ich fromm.»

Wie denkt und handelt ein Mensch, der humanistisch geprägt ist?
Ich bin in Basel aufgewachsen, wo der grosse Humanist Erasmus von Rotterdam lehrte. Hier hat man immer gesagt: «Eine humanistische Bildung öffnet das Tor für Erfolg und Anerkennung.» Das humanistische Gymnasium war eine Eliteschule. Wenn man etwas erreichen wollte, war der Besuch ein ‘Muss’. Meine Eltern, Lehrer und die Bekannten wollten, dass ich dort zur Schule gehe. Unsere Lehrer waren der Meinung, die humanistische Bildung sei das Beste, was sie den jungen Menschen bieten könnten. Wir büffelten in der Woche sieben Stunden Latein und fünf Stunden Griechisch. Das war sicher keine schlechte Schule: die Lehrer leiteten uns zur Selbstständigkeit und zum kritischen Denken an. Der philosophische Hintergrund kam nicht so zum Tragen. Neben der Schule hat mich auch meine Mutter stark geprägt. Ihr war das Äussere sehr wichtig: gute Kleidung, Einladungen da und dort.

Ich hatte immer ein Ziel vor Augen: Nach der Matura (Abitur) studierte ich Medizin. Schliesslich hatte ich alles, was ich erstrebt hatte: Familie, Beruf und Karriere. Aber ich merkte: Das kann nicht alles sein. Äusserlich war alles in Ordnung, und doch spürte ich, dass ich ziellos dahin trieb. Ich dachte: Es kann doch nicht sein, dass das so 30 Jahre lang weiter geht. Ich hatte Verlangen nach mehr, aber ich fühlte mich wie in einem luftleeren Raum. Ich habe mich umgeschaut und wollte meinem Leben einen Kick geben. Ich schloss mich einer Loge an, einem Männerbund, der humanistisch geprägt war. Wir wollten untereinander und in der Welt Gutes tun. Auch zur Esoterik hatte ich meine Fühler ausgestreckt. Ein Freund war in diesem Bereich engagiert; er wollte ein Zentrum für Feuerlaufen und andere esoterische Praktiken aufbauen und hat mich gefragt, ob ich mitarbeiten würde. Aber dies hat mir dann doch nicht so zugesagt, weil ich ein zu rational denkender Mensch bin und nicht so den Draht zur Mystik habe.

Welche Lebensfragen blieben ohne Antwort?
Humanismus bedeutet, den Menschen in seinem Charakter zu verbessern, ihm einen Sinn zu geben. Das Ziel ist, den Menschen zu veredlen. Ich war ernüchtert, als ich sah, dass sich die Menschen nicht veränderten, sondern persönliche und wirtschaftliche Interessen im Vordergrund standen.

Was hat zur Wende in Ihrem Leben beigetragen?
Entscheidend war, dass ich Christen kennenlernte. Ich streckte meine Fühler nach allen Richtungen aus und fing auch an, christliche Literatur zu lesen. Meine Frau kam zuerst in Kontakt mit Christen und hat sich durch das Zeugnis von Freunden bekehrt. Sie sagte: «Jetzt musst Du Dich auch bekehren.» Das war eine schwierige Zeit, weil sie mich unter Druck gesetzt hat. Sie hatte Angst, dass ich im biblischen Sinn ‘verloren gehe’. Aber ich war nicht bereit zu diesem Schritt. Von Bekannten wurde ich auf die christliche Organisation IVCG aufmerksam gemacht. Ich nahm an mehreren Veranstaltungen teil und besuchte einen Glaubenskurs. Dort habe ich Jesus Christus die Herrschaft über mein Leben übergeben.

Was hat sich durch Ihre Bekehrung zu Jesus Christus verändert?
Jetzt hatte ich wieder ein Ziel gefunden! Ich wollte mit Jesus Christus und Gott ewig in Gemeinschaft leben. Durch meine Bekehrung erhielt ich zum Beispiel eine neue Sicht für die Umwelt. Als junge Familie hatten wir starke Ängste wegen der Umwelt. Im Jahr 1986, als die Atomexplosion in Tschernobyl und die Brandkatastrophe in einer Chemiefabrik in Schweizerhalle, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft waren, kam unser zweitjüngstes Kind auf die Welt. Es war für uns bedrohlich, dass die Menschen die Welt so zugrunde richten. Umweltprobleme sind nach wie vor da und ich bin nicht davon befreit, mich um die Umwelt zu kümmern, aber ich weiss, dass Gott die Welt in der Hand hat.

Bei Gott spürte ich die Annahme und Liebe, wie ich diese zuvor nicht gekannt hatte. Das hat meine Beziehung zu anderen Menschen insofern verändert, dass ich sie besser annehmen kann. Ich war früher gegenüber meinen Mitmenschen etwas kritisch und zynisch. Heute sehe ich sie mit Gottes Augen. Ich kann einen Mitmenschen mit seinen Ecken und Kanten besser annehmen; ich kann ihm auch vergeben.

In der Schule habe ich den Humanismus so kennen gelernt, dass ich immer etwas leisten musste. Als Christ darf ich mich zuerst von Christus füllen lassen: er gibt mir Liebe, Anerkennung und Annahme. Er erfüllt mich mit seinem Heiligen Geist. So kann ich aus seiner Fülle schöpfen und diese weitergeben. Diese Dankbarkeit führt mich zu den Menschen. Der Humanist und der Christ möchten etwas Gutes für den Menschen tun. Beim Humanismus ist es die Leistung, er möchte dadurch zu einem besseren Menschen werden; durch die klassische Bildung strebt er zu einer höheren Stufe. Er meint, wenn sich alle so bilden würden, würde die Welt schlussendlich besser werden. Das primäre Ziel eines Christen ist nicht eine gute Bildung, sondern die Beziehung zu Gott. Es schadet keinem Christen, wenn er eine gute Bildung hat und Verantwortung und Einfluss geltend macht, aber das ist nicht das primäre Ziel.

Eine wesentliche Frage, die der Humanismus nicht beantworten kann, ist, warum ich lebe. Den Sinn meines Lebens habe ich bei Christus gefunden. Gott will Gemeinschaft mit mir haben. Heute ist mir wichtig, mit den Menschen über Jesus Christus und den Lebenssinn zu sprechen.

Wo liegt Ihrer Meinung nach das Verlockende im humanistischen Denken?
Der Humanismus gibt uns Möglichkeiten in die Hand, selber etwas zu tun. «Wenn ich das und das mache, dann wird es besser.» Das ist eine Selbsterlösungsphilosophie, die ohne Gott auskommen will.

Haben Sie manchmal den Eindruck, dass es auch in christlichen Gemeinden humanistisches Denken unter frommem Deckmantel gibt?
Es gibt sicher Menschen, die das Gefühl haben, wenn sie besonders viel über die Bibel wissen und schöne Worte beim Beten verwenden oder viel Gutes tun, seien sie besser als andere. Ich bin froh, dass wir bei Gott aus Gnade angenommen sind und nicht wegen unserer Leistung.

Dieser Artikel erschien im aktuellen Chrischona-Panorama 04-2008 auf den Seiten 12-13