Thema: Was prägt unser Denken und Handeln?

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Welchen Stellenwert hat Gott in meinem Weltbild?

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BODO VOLKMANN

«Edel sei der Mensch, hilfreich und gut; denn das unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen» (Goethe). So haben viele von uns das Glaubensbekenntnis des Humanismus in der Schule gelernt. Es stammt aus jener grossartigen Bewegung in Europa, die im 18. Jahrhundert, geprägt von Geistern wie Herder, Lessing und Goethe, in einer neuen Begegnung mit der griechischen Antike die wahre Grösse des Menschen wiederzuentdecken meinte, sein Streben nach dem Guten, Schönen und Wahren.

Dieses Menschenbild prägte nicht nur literarisch die deutsche Klassik, sondern es hatte auch starke Auswirkungen im Bildungswesen, in allen Zweigen der Kunst und in der Gesellschaft überhaupt. Das Ziel der Bildung sollte darin bestehen, den Menschen zur Entfaltung seiner besten Anlagen zu bringen, so dass der edle Kern sein ganzes Denken, Handeln, Wollen und Fühlen bestimmt, wenn er erst einmal von allen schädlichen äusseren und inneren Kräften befreit ist.

Förderung der Meinungsfreiheit

Man kann nicht vom Humanismus sprechen, ohne seine historischen Verdienste zu würdigen. Unter seinem Einfluss wurde in Mitteleuropa ein allgemeines Schulwesen aufgebaut, ebenso auch Theaterbühnen, Akademien, Konzerthäuser und andere Bildungseinrichtungen. Er förderte die Meinungsfreiheit wie auch die religiöse und politische Toleranz an Stelle früherer Gewalt und Unterdrückung. Und um es auch persönlich auszudrücken: Mir sind im Lauf meines Lebens einige gebildete Menschen begegnet, bei denen humanistische Prägung zu besonnener Güte, freundlicher Hilfsbereitschaft und echter Bescheidenheit geführt hatte. Vor solchen Menschen habe ich durchaus Sympathie und Hochachtung empfunden – so ähnlich, wie es wohl Jesus in Mark 10,21 gegangen ist.

Mit dem Christentum ist der Humanismus eine Zeit lang eine Symbiose eingegangen, vor allem in den norddeutschen, kirchlich liberal geprägten Gegenden. Denn dort wurde der evangelische Glaube vielfach als ein Streben des Menschen zu Gott verstanden, wobei seine Erlösung als die gnädige Antwort Gottes auf dieses Streben gedeutet wurde.

Unvereinbarkeit der beiden Menschenbilder

Sind biblischer Glaube und Humanismus vereinbar oder gar gleichbedeutend? Die Antwort liegt in der grundsätzlichen Unvereinbarkeit der beiden Menschenbilder.

Das auf den Menschen ausgerichtete Weltbild:

Das humanistische Weltbild beruht auf drei Grund-Prämissen:
1. Der Mensch ist im Kern gut.
2. Was gut ist, kann die Vernunft erkennen.
3. Der Weg des Menschen zu Gott besteht darin, dass er nach sittlicher und geistiger Vollkommenheit strebt.

Das Böse wird als eine Fehlentwicklung angesehen, die durch Bildung behebbar ist. Je mehr die Vernunft eines Menschen entwickelt ist, umso klarer erkennt er, was gut ist. Hat er das Gute erst einmal erkannt, so wird er aufgrund seiner edlen Veranlagung danach streben, es zu verwirklichen. Der Sinn der Religion besteht darin, den Menschen zum Guten zu motivieren. Daher wird eine künftige Religion der Menschheit auf Vernunft beruhen, nicht auf Offenbarung. Gott ist keine Person, sondern der höchste Begriff der Sittlichkeit, die von Kant auch als praktische Vernunft bezeichnet wurde.

Das biblische Menschenbild:

Das biblische Menschenbild beruht dagegen auf folgenden Grundaussagen:
1. Der Mensch ist zwar ursprünglich von Gott als gut geschaffen worden, hat sich jedoch durch die Sünde bis in seinen Kern hinein nachhaltig verunreinigt.
2. Die Vernunft ist, auf sich allein gestellt, unzureichend zur Erkenntnis des Guten.
3. Der Weg des Menschen zu Gott führt allein über die Erlösung von der Schuld durch den Tod und die Auferstehung von Jesus Christus.

Bekanntlich hat Jesus die Frömmigkeit der Pharisäer kritisiert, weil sie auf der Überzeugung beruhte, durch eigene religiöse Leistungen die Forderungen Gottes erfüllen zu können. Er betonte, dass es bei Gott nicht nur auf die sichtbaren Handlungen des Menschen ankommt, sondern auch auf seine Gesinnung. In der Bergpredigt machte er deutlich, dass der eigentliche Sinn des Gesetzes darin besteht, dass der Mensch eine Erlösung braucht, die vom Kern, vom Innenleben her geschieht. Man denke an die sechs «Ich-aber-sage-euch-Stellen». Wer den Begriff Sünde in seiner biblischen Tiefe versteht, der begreift, dass menschliches Streben allein zu ihrer Überwindung nicht ausreicht. Der Auftrag von Jesus Christus bestand gerade darin, durch seinen Tod das Böse zu besiegen – was, wie gesagt, selbst der edelste Mensch nicht kann – und durch seine Auferstehung jedem Menschen die radikale Erlösung zu ermöglichen.

Falsche Selbsteinschätzung

Was gut ist, bestimmt allein Gott, nicht der ‘autonome’ Mensch. Schon im Paradies unterlag der Mensch der Illusion, er könnte selbst erkennen, was Gut und Böse ist. So bestand der Sündenfall letztlich im Streben des Menschen nach Selbstverwirklichung ohne Gott. Wie ein Computer das Betriebssystem nicht selbst hervorbringen kann, so braucht die Vernunft, so wertvoll sie als Gabe Gottes an den Menschen ist, gewissermassen sein Betriebssystem, um ihren Sinn erfüllen zu können.

Der Weg zum Glauben an Jesus Christus war und ist daher für einen Humanisten nicht leicht. Denn er beginnt mit der Einsicht, dass alles Streben, auch die besten Vorsätze und Leistungen nicht ausreichen, um den Erwartungen des heiligen Gottes an den Menschen zu genügen. Wie jeder andere, so muss auch ein Humanist zunächst einsehen, dass er die Vergebung seines bisherigen Lebens durch Jesus Christus braucht, um zu Gott kommen zu können. Das humanistische Menschenbild beruht also, biblisch betrachtet, auf einer falschen Selbsteinschätzung.

Streben nach Selbstverwirklichung

Obwohl der Mensch im 21. Jahrhundert nicht mehr nach den Idealen des Humanismus lebt, lässt er sich immer noch von einem Menschenbild leiten, das ausschliesslich auf den Menschen bezogen ist. An die Stelle von Werten, die in der Vergangenheit als verbindlich galten, ist die allgemeine Unverbindlichkeit getreten, bei der nur noch subjektive, häufig rein emotional begründete und beim Einzelnen oft wankende Werte eine Rolle spielen. Statt nach Veredelung und Vollkommenheit zu streben, statt «edel, hilfreich und gut» zu werden, sehnt sich der Mensch von heute eher nach Spass, nach lustbetonter Selbstverwirklichung, nach schneller Karriere, nach Geld und Geltung. Die eigentlichen Kultstätten von heute sind die Fußballstadien, die Diskotheken und die Wellness-Studios. Ethische Werte, ob christliche oder humanistische, werden vom Zeitgeist abgelehnt und im öffentlichen Bewusstsein bis in die Medien hinein häufig verhöhnt. An die Folgen des eigenen Verhaltens denkt der Mensch von heute allenfalls auf isolierten Gebieten wie Ökologie oder Gesundheit. Doch hat man auch hier den Eindruck, dass die Massen eher einen Ersatz für den fehlenden, sinngebenden Glauben suchen. Denn viele möchten zwar die Welt in fernen Polarzonen und Regenwäldern verändern, nicht aber sich selbst.

Keine Relativierung biblischer Werte

Die Grundprämissen des Humanismus sind mittlerweile durch den Gang der Geschichte gründlich widerlegt. Wie abgrundtief schlecht der Mensch ist, das kann man nicht nur aus der Bibel erfahren, sondern auch aus den täglichen Fersehnachrichten. Ob sich aus dieser Situation eine neue Offenheit für die Botschaft von der Erlösung durch Jesus Christus ergibt? Dies scheint überall dort der Fall zu sein, wo wir diesen Glauben unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen in unserem Umfeld glaubhaft vorleben, wo sich unser Lebensstil sichtbar positiv von dem anderer unterscheidet und die Verbindlichkeit unserer Christusnachfolge auf Mitmenschen attraktiv wirkt. Denn wir sind heute mehr als je zuvor aufgefordert, gegen die subtile Relativierung biblischer Werte durch den Zeitgeist immun zu sein, die Gebote Gottes in der Praxis weiterhin ernst zu nehmen und einen Lebensstil zu praktizieren, der die Götzen von heute ablehnt, um sichtbar, fröhlich, verbindlich im Alltag dem lebendigen Gott zu dienen (1.Thess. 1,9).

Dass der Mensch schlecht ist und unter der Schuld und Sinnlosigkeit seines Lebens leidet, das wissen heute viele auch aufgrund ihrer Selbstwahrnehmung. Was sie oft noch nicht wissen, ist die froh machende Tatsache, dass Jesus Christus sie im Kern erneuern kann, nicht nur durch Veränderung isolierter Teilbereiche des Lebens. Hier liegt unsere missionarische Aufgabe im nachhumanistischen Zeitalter.

 

Dieser Artikel erschien im Chrischona-Panorama Ausgabe 4/2008 auf den Seiten 5-7