Ein riesiges Potential steckt in der Euro 2008, das weiss auch die Wirtschaft. Ich meine aber vor allem die Macht des Fussballs, Menschen über sich selbst hinauswachsen zu lassen. Das sind die Momente, in denen einfach alles passt: Die Atmosphäre, der Teamgeist, das Wetter, die Zuschauer, die Leidenschaft. Und völlig unerwartet wächst eine Mannschaft über sich hinaus. Dann läuft auf dem Rasen mehr als die Summe der fussballerischen Fähigkeiten von elf Einzelspielern. Der eine hält für den anderen die Knochen hin. Bei Fehlern wird nicht länger gemotzt, sondern ermutigt. Der Ball läuft. Die Energie schwappt vom Rasen auf die Tribüne und wieder zurück. Jeder Spieler spürt: Hier liegt etwas in der Luft, das ist grösser als ich, als wir!
Faszination Fussball – im Stadion, vor den Grossleinwänden und in den Häusern bleibt keiner bei sich selbst, sondern ist ausser sich vor Freude. Wer die anderen sind, mit denen ich mich da freue? Ist doch egal, denn hier passiert etwas, das übersteigt uns!
Ich liebe den Fussball, weil er so herrlich menschlich ist. Kein anderes Lebewesen kann derart über sich selbst hinauswachsen. Darin sind sich unterschiedliche Wissenschaften über den Menschen einig: In uns steckt eine Dynamik, die uns zum andern, in die Welt hinaus treibt. Echtes Menschsein erfahren Sie dann, wenn Sie nicht bei sich selbst bleiben, sondern über sich selbst hinausgehen. Sich anderen Menschen liebevoll hingeben, sich leidenschaftlich hineingeben in etwas Grösseres, das ist typisch Mensch. Und genau das meint die Heilige Schrift, wenn sie den Menschen als ‘Ebenbild Gottes’ (1.Mose 1,27) bezeichnet. Der Schöpfer hat diese überfliessende Dynamik in uns hinein gelegt. Er hat uns tatsächlich für etwas Grösseres geschaffen, nämlich für Gott selbst. Wenn Menschen über sich selbst hinauswachsen, erinnert mich das daran: Erfülltes Menschsein finde ich nicht in mir, auch nicht alleine in dieser Welt, sondern ausserhalb meiner selbst in Gott.
Die Sehnsucht nach Spiritualität illustriert, wie sehr wir Menschen über uns hinauswachsen wollen zu dem, der Grösser ist als wir. Ob wir dabei allerdings wirklich bei Gott ankommen, ist gar nicht selbstverständlich. Wir neigen dazu, selber Gott oder Göttin sein zu wollen. Statt über uns hinauszugehen, leben wir aus uns selbst und für uns selbst. Die Heilige Schrift nennt das schlicht und einfach Sünde. Es kommt also alles darauf an, dass wir Gott wieder, Gott sein lassen. Und das heisst, wir gestatten ihm, von sich aus einen Weg zu uns zu finden. Er muss selbst klarmachen, wer er ist und wie wir zu ihm kommen sollen. Genau das hat Gott getan, indem er einer von uns wurde. Jesus Christus ist die Selbstenthüllung Gottes. «Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoss ist, der hat ihn uns verkündigt» (Joh. 1,18). Hinter dem Rücken von Jesus kommen Gott und Mensch niemals zusammen.
Wird die Schweizer Nationalelf an der Euro 2008 über sich selbst hinauswachsen? Werden Sie und ich über uns hinausgehoben und Grösseres erleben? Aber hoffentlich, und bitte nicht nur für die Euro 2008, sondern fürs Leben. Denn Gott wurde Mensch, damit wir nicht mehr Gott sein müssen, sondern echte Menschen!