Thema: Die Bibel verstehen und vermitteln

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Die Bibel versteh lernen - was bedeutet das?

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HORST SCHAFFENBERGER

Ich stehe in der grössten Buchhandlung Basels und suche das Buch der Bücher: eine Bibel. Tatsächlich finde ich nach längerem Suchen ein schmales Regal, überschrieben mit ‘Religionen’, in dem auch Bibeln stehen. Mein Blick schweift nach rechts. Dort schliesst sich direkt eine riesige Abteilung an – ein ganzes Stockwerk mit Lebenshilfe, Esoterik und ähnlichem. Es werden unheimlich viele Bücher als ‘Lebenshilfe und Lebensbücher’ angeboten, neben denen die Bibel als das Lebensbuch absolut nicht auffällt.

Es werden Bücher angeboten, bei denen mir fast schwindlig wird, wie zum Beispiel über Astrologie, sanfte Medizin, Engel und Geister. Wo bleibt das Buch der Bücher, das Dokument des Redens Gottes zu den Menschen, das Buch, das seit Jahrtausenden zu Menschen spricht, in dem uns der Weg zur Erlösung gezeigt wird und in dem uns Gott selbst in eine lebendige Beziehung zu ihm hineinholen will? Ein Buch, dessen Kraft zur Lebensveränderung ungebrochen ist?

Lebensbuch erforschen

Die Bibel ist die einzige Quelle unseres Glaubens. Unsere Aufgabe als Theologisches Seminar St. Chrischona ist es, dieses Lebensbuch zu erforschen, junge Menschen dazu anzuleiten, das Buch selbst zu verstehen und es für Menschen von heute verständlich verfügbar zu machen. Im Grunde ist das, was wir tun, ein alter Auftrag, wie wir ihn schon bei Paulus wahrnehmen: «Und was du von mir gehört hast, das befiehl treuen Zeugen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren» (2.Tim 2,2).

Die erste Aufgabe für uns heute ist es, diese Lehre des Paulus zu erkennen und zu beschreiben und dort, wo sie uns Fragen aufwirft, zu erforschen und zu erklären. Dann gilt es, diese Lehre unseren Studierenden so zu vermitteln, dass sie sie später in der Gemeinde hilfreich an andere weitergeben können. Diese Überzeugung ist an unserem Seminar schon immer leitend gewesen. Friedrich Veiel, Direktor der Pilgermission von 1909 bis 1947 schrieb 1940 in der Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum: «Wir finden in der Heiligen Schrift eine solche Fülle von Wahrheit, dass selbst ein langes Leben nicht ausreicht, um damit fertig zu werden. […] Wir Lehrer sind uns unserer Begrenzung bewusst. Aber darin sind wir eins, das wir allen Fleiss anwenden wollen, unsern Schülern zu einem offenen freudigen Sinn zu verhelfen, damit sie merken, welche Schätze Gottes Hand durch sein Wort uns zugewandt» (S. 317). Diese Sätze würde heute jeder unserer Dozenten aus vollem Herzen unterschreiben. Veiel hat hier unseren Auftrag als Lehrende am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc) prächtig ausgedrückt. Nach meinem Verständnis bedeutet «offen», einen nicht verengten, sondern sich den heutigen Fragen aussetzenden Sinn. Wie machen wir das? Es sind drei Felder, die miteinander verwoben sind, und die bei uns unbedingt zusammengehören.

Die Bibel als Lebensbuch ins eigene Leben sprechen lassen

Für das tsc ist das Wort Gottes nie nur ein Objekt der Erforschung und der Wissenschaft. Weil die Bibel Lebensbuch ist, kommt alles darauf an, dass Studierende und Dozierende entdecken, wie sehr dieses Buch mit ihrem Leben zu tun hat. Aber Dozenten können das nicht immer und überall deutlich machen. Die Lebensrelevanz des Unterrichtsstoffs zeigt sich manchmal erst Jahre später. Auf der anderen Seite ist es auch vom Leben des einzelnen Studierenden abhängig, wie stark er sich auf das Wort einlässt. Wir haben verschiedene ‘Instrumente’, damit Studierende nicht nur das Wort Gottes bearbeiten, sondern es auch in ihnen arbeitet. Es gibt unter anderem Andachten, Gebetstunden, Gebetsvormittage, Abende zur Gestaltung geistlichen Lebens.

Die Bibel als Lebensbuch entdecken und verstehen lernen

Die Reformation hat uns an die Heilige Schrift gebunden. Mit ihrem Satz «sola scriptura» (allein die Schrift) haben die Reformatoren einen Grundsatz beschrieben, der uns zwingt, uns intensiv mit dieser Schrift auseinanderzusetzen. Wenn man in der theologischen Ausbildung anfängt, sich mit diesem Buch näher zu befassen, entdeckt man zuerst, dass diese Schrift ja in Griechisch und Hebräisch geschrieben ist, dass sie einer antiken Lebenswelt entspringt, mit der wir uns erst anfreunden müssen. Es muss im Studium ein nicht geringer Aufwand betrieben werden, die Lebenswelt des Alten und Neuen Testaments zu entdecken und zu verstehen. Biblische Sprachen, Methoden der Textauslegung, Umweltgeschichte der biblischen Zeit stehen somit auf dem Lehrplan. Der Studierende taucht ein in die Welt der Kirchen- und Theologiegeschichte, die ihm auf Schritt und Tritt klarmacht, wie sehr die Auslegung der Schrift sowohl von der jeweiligen Zeitströmung als auch von entscheidenden Gestalten in dieser Zeit abhing. Er entdeckt, wie sehr sein eigenes Denken und Auslegen von Bibeltexten abhängt von der Art und Weise, wie Generationen vor ihm mit der Bibel umgegangen sind. Er entdeckt Zeiten, in denen die Bibel als Lebensbuch neu entdeckt wurde und so zu entscheidenden gesellschaftlichen Umbrüchen führte; er entdeckt Zeiten, in denen das Gegenteil passierte. Schliesslich lernt er die wesentlichen Aussagen der Schrift über Gott, den Menschen, die Schöpfung und Erlösung, aber auch die biblischen Massstäbe unseres Handelns zu durchdenken. Dies geschieht immer auf dem Hintergrund und in klarer Auseinandersetzung mit heutigem Denken und Handeln.

Die Bibel als Lebensbuch anderen vermitteln lernen

Die dritte Herausforderung theologischer Ausbildung ist die Aufgabe, «tüchtig zu werden, auch andere zu lehren» (2.Tim.2,2). Aus dem Verstehen entspringt die Vermittlung. Das ist das Feld der praktischen Theologie in den Fächern Gemeindepädagogik, Predigtlehre, Predigtübungen, Seelsorge, Pastoraltheologie, Interkulturelle Studien und Missionslehre. Daneben vermitteln Praktika die Möglichkeit, das Gelernte anzuwenden, und helfen den Studierenden, sich selbst in einem Praxisumfeld zu erfahren. Es geht um die Fragen: Wie kann ich die biblische Wahrheit so vermitteln, dass Menschen sie heute verstehen und sich dieser Wahrheit auch zuwenden und sie sich zu eigen machen? Wie findet die Bibel als Lebensbuch Raum bei jungen und alten Menschen? Wie baut man eine Gemeinde auf dieser Wahrheit auf? Wo korrigiert dieses Lebensbuch Entwicklungen in Gesellschaft und Gemeinde, und wie kann das Wort Gehör finden? Wie kann die biblische Wahrheit Menschen in Krisensituationen helfen? Welche Orientierung gibt die Bibel, um in Entscheidungssituationen und Konflikten den richtigen Weg zu finden? Es ist Aufgabe der Christen, die Bibel als Lebensbuch in Gesellschaft und Gemeinde ernst zu nehmen.

 

Dieser Artikel erschien im Chrischona-Panorama Ausgabe 3/2008 auf den Seiten 6-7