Thema: Beruf und Gemeinde

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Im Spannungsfeld von faszinierenden Eisenbahnprojekten, Familie und wirbelnder Mitarbeit in der Gemeinde

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SAMUEL RUGGLI

«Ich verbinde Sie mit dem Chef!», sagte die Sekretärin am andern Ende der Telefonleitung. Es war 7.15 Uhr, und ich befand mich gerade in einem Hotelzimmer. Ich machte eine Dienstreise, bei der es um den Güterverkehr auf der Schiene ging. Knapp und klar verkündete mein Chef: «Die Generaldirektion der SBB hat Sie zum Chef für den Transitgüterverkehrbestimmt. Gratulation!» «Vielen Dank für das Vertrauen. Ich werde mein Bestes tun», war meine ebenso knappe Reaktion.

Ich legte mich wieder hin. Meine Gedanken begannen zu rotieren. Wer war ich, dass die Generaldirektion der Schweizerischen Bundesbahn (SBB) mir einen solchen Job anvertrauen wollte? Nachdem sich mein Bubentraum – Verkehrspilot – in Luft aufgelöst hatte, lernte ich Eisenbahner. Ich verkaufte Fahrkarten, beriet die Kunden und wickelte Gütertransporte ab. «Langweilig», dachte ich, «jeden Abend das Pult leer, die Aufgaben erledigt. Ich möchte einmal etwas gestalten, auch wenn die Arbeit abends nicht fertig ist.» In meinem damaligen Umfeld begann ich zu wirken. Objekte meines Tatendrangs waren der Schrank mit den Formularen und das Archiv.

Entscheidende Weichenstellung

Kurz vor unserer Heirat, ich war damals gerade 20 Jahre alt, erlebte ich die entscheidende Weichenstellung in meinem Leben. Seit diesem Tag stellte ich mich bewusst unter die Prinzipien der Bibel als inspiriertes Wort von Gott. Jung verheiratet zogen wir mit unserer Tochter nach Buchs. Der ‘24-Stundenbetrieb’ an jener Arbeitstelle war wegen der ‘Tagesfreizeit’ attraktiv und andererseits ineffizient. Ein wesentlicher Teil der Nachtarbeit bestand im Warten auf den letzten Zug. Ein Kollege und ich gestalteten die Dienstpläne für die 50 Mitarbeitenden neu. Wir reduzierten den Nachtdienst und erreichten eine deutliche Effizienzsteigerung. Nicht alle hatten Freude an dieser Idee, denn Nachtarbeit war gut bezahlt.

Faszination und Identifikation

Nach drei Jahren verliess ich die SBB, um in einem internationalen Speditionsunternehmen zu arbeiten. In dieser Zeit wurde unser Sohn geboren. Meine Frau schaute zu Hause nach dem Rechten und unterstützte mich in meinem Engagement für die Firma. Sie war mit unseren beiden Kindern intensiv beschäftigt. Eigentlich ideale Verhältnisse für einen Mann. 1975 erhielt ich die Chance, bei der Generaldirektion der SBB in Bern wieder einzusteigen. «Bern, war das nicht immer mein Wunsch und auch der meiner Familie!» Als Verkäufer im internationalen Güterverkehr betreute ich Kunden aller Branchen in Deutschland, der Schweiz und Italien. In enger Zusammenarbeit mit den privaten Unternehmen des Strassenverkehrs entwickelte sich das Geschäft im Container- und Lastwagen-Transport auf der Bahn zum Zugpferd. Verhandeln mit grossen Industrieunternehmen, die Vertretung der SBB an internationalen Messen, aber auch die Organisation einer Instruktionsreise mit Lehrlingen waren spannend. Ein Abenteuer war der Aufbau eines neuen Geschäftes in Rielasingen bei Singen in Deutschland. Mein Job faszinierte mich; ich identifizierte mich total damit. Mit meiner Tätigkeit nahmen die Aufenthalte im Ausland zu: das Koffer packen und verreisen.

Vereinbarung mit Gott

Gemeinsam mit meiner Frau engagierte ich mich in der christlichen Jugendarbeit. Jeder zweite Samstag und oft auch noch Abende waren ausgebucht. Dazwischen Umbauten am Haus mit meinem Sohn. «Wie schafft Ihr das nur?» « Ihr habt eine vorbildliche Familie!» «Ohne Euren Einsatz wäre diese Arbeit nie so gewachsen!» All diese Komplimente motivierten uns und vor allem mich zu noch mehr. «Im Himmel werden wir einmal Zeit zum Ausruhen haben, und von dort kommt auch der Dank», erwiderte ich. Dann, im Jahr 1993 erhielt ich früh morgens jenen Anruf von meinem Chef im Hotel. Nie im Leben hätte ich mit einer solchen Führungsaufgabe gerechnet. Eigentlich habe ich mir nie Gedanken zu meiner Karriere gemacht. Ich hatte Respekt vor der Verantwortung für 300 Mio. Franken Umsatz und 50 Mitarbeitenden im In- und Ausland. «Mit Deiner Hilfe will und werde ich das schaffen» vereinbarte ich mit Gott. Als Erstes ging ich zu meinem bisherigen Arbeitskollegen, der älter und für diese Aufgabe ebenso qualifiziert war. Er war nun mein Mitarbeiter. Das Gespräch verlief gut, und er unterstützte mich vorbildlich. «Wollen mal sehen, was der Träumer wirklich bewegt», sagten andere.

An Grenzen gestossen

Auf meinen Fahrten durch Deutschland sah ich schon damals in Gedanken Züge der SBB in Deutschland verkehren. Träumte ich? Anfangs der 90-er Jahre war mir klar, dass die Deregulierung des Schienenverkehrs und damit der Wettbewerb unter den Staats- und Privatbahnen in Europa begonnen hatten. An internationalen Sitzungen wurde am Anfang über diese Idee gelacht, später verweigerten dieselben Unternehmungen in den einfachsten Fragen die Zusammenarbeit. Wir erhielten den Auftrag, Kontakt mit der italienischen Bahn aufzunehmen und Kooperationsformen in der zukünftigen Bahnwelt auszuloten. Ich hatte Bedenken und äusserte, dass ich mit dieser Aufgabe an meine Grenzen kommen würde. Doch mein Chef sagte nur: «Keiner auf der Welt hat je ein solches Unterfangen durchgeführt. Es gibt kein Vorbild. Es ist für uns alle Neuland.» So tat ich mein Bestes. Ich durfte die Leitung dieses ambitiösen Projektes übernehmen. Nach zwei Jahren mussten wir feststellen, dass ein Zusammengehen aus guten Gründen nicht sinnvoll war. In dieser Zeit war mir Gottes Zuspruch in seinem Wort eine starke Hilfe. Für mich waren meine beruflichen Aufgaben immer Teil meiner täglichen Zwiesprache mit Gott.

Herzinfarkt – drastisches Reden Gottes

Zwei Jahre später hiess es: «Du übernimmst ab sofort das Projekt Kundenservice-Center. Es steckt in einer Krise.» Dank eines guten Teams und Gottes Hilfe haben wir das Ziel dieses Projekts erreicht. Wegen organisatorischer Veränderungen des Unternehmens musste ich einige Schläge einstecken. Das schmerzte. Ich will auch nicht verschweigen, dass in den Jahren zwischen 1995 und heute unsere Ehe durch manchen Sturm gegangen ist. Tag und Nacht war ich mit meinen faszinierenden Projekten beschäftigt. Ich hatte weder für mich noch für meine Familie wirklich Raum. 2003 überlebte ich einen Herzinfarkt praktisch unbeschadet. Dieses Reden Gottes verstand ich als Chance. Vier Wochen Rehabilitation im Einzelzimmer und täglich lange Telefonate mit meiner Frau eröffneten mir neue Perspektiven. Dass wir heute unseren Weg gemeinsam und glücklich gehen, ist für uns ein Geschenk. Noch mehr als früher versuche ich meine ganze Aktivität im täglichen Gespräch mit Gott zu gestalten. Als Chef ist man oft allein, es sei denn, man kennt Gott, der allmächtig ist. Während ich diesen Artikel schreibe, stehe ich 36 Stunden vor einer Herzoperation. Es ist für mich und meine Frau ein Geschenk, dass ich hier und jetzt ruhig und zuversichtlich bin und keine Angst in mir spüre.

Dieser Artikel erschien im aktuellen Chrischona-Panorama 02-2008 auf Seite 12-13