ECKHARD HAGEDORNImmer wieder samstags
7.14 Uhr. Hans hat schon mit dem Kaffeekochen begonnen. Die andern werden um kurz vor halb kommen ausser Günter, der bringt die Brötchen mit. Samstags muss er beim Bäcker etwas anstehen.
7.22 Uhr. Hartmut stellt die Stühle im Kreis und legt auf jeden Stuhl ein Liederbuch.
Als es pünktlich mit drei Minuten Verspätung losgeht, sind noch drei Stühle frei. Ach ja, Ralf hilft heute einem Kollegen beim Umzug. Eberhards Freund ist doch nicht gekommen, und Norbert hat Wochenenddienst, obwohl er eigentlich frei gehabt hätte. Man kennt sich seit langem, einige seit mehr als fünfzehn Jahren. Erst wird gesungen, so schön es unter Männern samstags um halb acht eben geht. Dann die Kurzauslegung eines Bibelwortes. Jeder, der will, kommt mal dran. Sie machen es so gut sie können, das reicht. Hier wissen alle, dass keiner von Showeffekten leben kann. Dann die Vorschläge, wofür jetzt gebetet werden soll. Vieles kommt vor: was in der Gemeinde los ist, oder was einem von der Woche her noch in den Klamotten steckt oder das Projekt in Nordargentinien.Inzwischen ist es kurz nach acht, jetzt kommt Teil zwei: das Frühstück. Eberhard hat Milch mitgebracht, Hartmut Honig, Wolfgang sogar Schinken. So gut klappt es trotz Frühstücksliste nicht immer. Es kam auch schon vor, dass drei Leute Milch mitbrachten und keiner Schinken. Na ja, Männer! Die Frauen finden übrigens ziemlich gut, dass ihre Männer samstags hier aufkreuzen. Es hat sich gezeigt, dass diese eineinhalb Stunden ihnen gut tun.
Berufsleben als gelebte Berufung
Von aussen betrachtet, könnte man den Eindruck eines recht ruhigen Männervereins haben: Frühstück mit gesitteten Gespräche über Beruf, Familie und Politik. Ein anderes Mal sind einige offensichtlich schlechter Laune. Es hat auch schon einmal einer die Andacht unterbrochen und einfach losgeschimpft. Ab und zu geht es zu wie bei einer Planungssitzung: Skizzen werden herumgereicht.Es lohnt sich auch, den ‘Ausmarsch der Gladiatoren’ zu beobachten. Zweien scheint es gut zu gehen, sie spielen mit den Autoschlüsseln Fangen. Einer guckt ängstlich, als traute er sich nicht nach Hause. Er wird untergehakt, aber das scheint er nicht zu mögen. Heute jedenfalls nicht. Was diese Leute, für die das Frühstück am Samstagmorgen die Schnittstelle zwischen der Firma und dem Wochenende ist, gemeinsam haben? Alter und Beruf jedenfalls nicht. Aber das: Sie wollen als Christen ihr Berufsleben als gelebte Berufung leben. Nach ihren Überzeugungen befragt, kommen Antworten wie diese:
«Wir leiden darunter, dass es manchmal so aussieht, als gebe es zwei Welten: die Arbeitswelt und die ‘andere Welt’. Wir möchten uns aber nicht mit der resignativen Haltung abfinden, die sagt: montags bis freitags wird gearbeitet, am Wochenende wird gelebt. Für uns steckt in der Sendung der Apostel in die Welt durch Jesus eine grosse Ermutigung, den Alltag nicht als ‘jesusfreie Zone’ abzuschreiben, sondern ihn unter seinen Augen zu leben. Wir üben miteinander die ‘Leidenschaft für das Alltägliche’ ein.»
«Wir halten an Psalm 24,1 fest: ‘Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdboden und die darauf wohnen.’ Es gibt also keinen Quadratzentimeter Fabrikfussboden, kein Büro, Labor oder Krankenzimmer, das ausserhalb seiner Reichweite ist. Und es gibt keine frustrierte Kollegin, keinen jähzornigen Chef – auch keinen gutmütigen –, keine Auszubildenden, die er nicht im Blick hätte. Oft passiert es uns, dass wir wenig davon sehen. Wir haben den Eindruck, dass die Falschen gewinnen und diejenigen untergebuttert werden, die eigentlich nach vorne müssten. Wir wagen es trotzdem, die Herrschaft Gottes über dem Ganzen zu glauben.»
«Wir merken, dass das, was wir als Christen in unserem Beruf tun, Fragment ist, bestenfalls ein kleiner Beitrag zum Gelingen. Wir merken auch, dass nichts, was heute gelungen ist, morgen noch automatisch Bestand hat. Wenn wir verunsicherte Kollegen entdecken, wundert uns das nicht. Die Unsicherheit kennen wir auch. Wir brauchen einander, um das auszuhalten. Unser Gebet für einander ist nicht Dekoration dessen, was sowieso läuft, sondern eine schiere Notwendigkeit.»
«Wir brauchen den Gottesdienst. Wir verlangen keine idealen Predigten. Wenn du innerlich mit dem Rücken zur Wand stehst, kann dir auch schon eine mittelmässige Predigt durch eine ganze Woche durchhelfen.»
«Obwohl die meisten von uns keine geborenen Leseratten sind, haben wir gute Gründe, uns in die Bibel einzuleben.»
«Wir haben die Bibel als extrem realistisches Buch entdeckt. Dabei stört uns wenig, dass es zurzeit Jesu noch keine Flugzeuge und Computer gab. Dass etwa der Zöllner Matthäus keine Ahnung von Schengener Abkommen hatte, stecken wir locker weg. Auch den Realistischsten unter uns ist die Bibel in puncto Realismus weit voraus.»
«Die Bibel ist nicht nur stark in der Analyse, etwa, wenn sie uns sagt, dass wir Sünder sind und wenn sie uns mit unseren Billig-Ausreden blamiert. Ausreden sind keine Auswege. Dass ausgerechnet in diesem analytisch so unerbittlichen Buch uns die grösste Herzlichkeit entgegenkommt, Gottes massgeschneiderte Fürsorge, lässt uns immer wieder nach der Bibel greifen.»
«‘Ein Indianer kennt keinen Schmerz.’ Mag sein. Aber in unserer Gruppe gibt es keinen einzigen Indianer. Wir wissen, dass es im Beruf wichtig ist, Haltung zu bewahren. Aber wir wissen auch, dass Haltung nicht reicht. Wir brauchen Halt. Wir sind froh, dass Christus unser Halt ist, dass er uns aushält.»
«Wir folgen der Einladung: ‘Schüttet euer Herz vor Gott aus, liebe Leute! Gott ist unsere Zuversicht’ (Psalm 62,9). Wir leben davon, dass Gott das Durcheinander in uns besser sortieren kann als wir. Aber auch das andere gilt: Es gehört zur Fairness gegenüber Gott, sich zum Gebet zu konzentrieren. Es ist nicht die Fortsetzung des alltäglichen Durchschnittsgelabers unter religiösem Vorzeichen.»
«Wir haben gemerkt: Bekennen und Meckern sind zweierlei. Im Meckern und Schimpfen sind wir alle ziemlich begabt, einige von uns auch im Jammern. Wir haben aber auch gemerkt, dass wir erst vorwärts kommen, wenn wir uns Gott unter die Augen trauen und ihm bekennen, was uns drückt.»
«Als Ehemänner sehen wir mindestens theoretisch ein, dass unsere Ehe und Familie nicht nur das uns entlastende Gegenüber zum Berufsalltag sein können. Wenn wir miteinander reden, wird deutlich, dass wir bessere Ehemänner sein wollen, als wir sind, und manchmal trauen wir uns sogar, es unseren Frauen zu sagen.»
«Im Beruf merken wir oft: ‘Der Teufel steckt im Detail.’ Wir wollen aber entdecken, wo Gott im Detail steckt, auch in den Details unseres Berufes. Der alltagskundige Gott ist ein ‘detailverliebter’ Gott: er liebt Menschen, die mit diesen vielen Details ringen.»
«Die Älteren können ein Stück weit jeden verstehen, der mit grossen Hoffnungen sein Berufsleben beginnt und im Lauf der Jahre immer ruhiger wird und schiesslich müde, ganz tief drinnen müde. Wir sind davon nicht frei; auch nach uns greift die Resignation. Wir merken aber, dass auch eine Hoffnung nach uns greift, die wir uns nicht selber gemacht haben, sondern die uns durch Christus geschenkt wird. Christus zu vertrauen ist sehr erfrischend.»
| Dieser Artikel erschien im aktuellen Chrischona-Panorama 02-2008 auf Seite 10-11 |