Thema: Beruf und Gemeinde

Home>Atempause

Echte Freunde

#35281
CHRISTOPH GYSEL

Ich liege im Krankenhaus in Bern. Schulteroperation. Schmerzhaft. Es geht mir nicht gut. Die Familie, Gemeinde, Freunde: sie leben im Wallis oder in der Ostschweiz. Besuch erhalte ich deshalb sehr wenig. Ich, der die Einsamkeit sonst liebt, leide plötzlich darunter. Ja, in schwierigen Zeiten tickt man(n) anders.

«Echte Freunde lernt man erst in der Not kennen», heisst es im Sprichwort. Da ist etwas dran. Wer hält noch zu mir, wenn es mir schlecht geht? Wer bietet mir Hilfe an, wenn ich am Ende bin und persönlich, familiär und geschäftlich ein Chaos habe? Wer steht noch zu mir, wenn ich Mist gebaut habe? Wen kann ich selbst nachts noch anrufen, wenn ich in meiner Ausweglosigkeit vor einem Kurzschluss stehe? Haben wir da auch noch Freunde?

Natürlich habe ich einen grossen Bekanntenkreis. Aber wer fragt jetzt nach mir, wo es mir schlecht geht, ich nichts geben kann? Wir alle brauchen Freunde. Menschen, die zu uns stehen, egal wie es uns geht. Und wenn es uns schlecht geht, brauchen wir sie erst recht.

Ich bin in meinem Spitalbett nicht versauert. Habe einige wohltuende Telefonate gekriegt. Dann auch ein paar Besuche. Meist von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte: Der junge Mann, der vor Jahren bei uns lebte, als er total in der Krise war. Jetzt, mitten in seinen Jura-Abschlussprüfungen, besucht er mich. Oder die Freundin, die extra aus Winterthur angereist kam. Sophie, unser Gemeindeglied, die über Mittag kurz vorbei schaute. Unser Gemeindepräsident, der Nachbarprediger, der Stammgast. Ich habe Freunde. Dafür bin ich dankbar.

Die Frage stellt sich natürlich, inwieweit ich auch ein Freund für andere bin. «Willst du einen Freund gewinnen, sei selber einer», meinte einst Herbert Louis Samuel lapidar. Bin ich auch für andere da? Können sich meine Freunde auf mich verlassen? Sicher, ich habe schon manchen Freund enttäuscht. Hatte keine Zeit, wenn sie Zeit gebraucht hätten. Hatte bei meinen vielen Aufgaben und Problemen nicht gespürt, wenn sie mich nötig gehabt hätten. Aber Freunde sind nicht nachtragend. Sie können vergeben. Sind eben Freunde.

«Freundschaft, das ist wie Heimat», sagte Tucholsky. Da ist es uns wohl. Da gehört man hin. Da investiert man sich. Für Freunde scheut man keinen Aufwand. Bei Freunden verweilt man gerne.

Ich bin dankbar für meine Freunde. Froh bin ich, Jesus, den besten Freund, zu kennen. Der hat sich ganz für mich investiert. Seine Liebe, seine Güte, seine Aufmerksamkeit mir gegenüber sind phänomenal. Der lässt mich nicht allein. Das ist gut zu wissen. Gerade auch in Zeiten, wo man(n) sich sehr alleingelassen fühlt.