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Gut altern

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GÜNTHER KRESS

Alt-Werden ist ein Lern- und Entwicklungsprozess: er kann scheitern oder das Leben abrunden und vollenden. Was hilft uns, das ‘dritte Lebensalter’ als Gewinn zu erleben?

In Sachen Alter ist eine gewaltige Umwälzung in Gange. Kaum jemand, der sich dem Thema ‘Altenlast, Kampf der Generationen, Hilfe – die Alten kommen!’ in unserer Gesellschaft noch entziehen könnte. Wie vor einer Naturkatastrophe warnen Schlagzeilen vor «Altersexplosion», «Altersbeben» und «Rentnerschwemme», hämmert uns die Boulevard-Presse die Gefahren der demografischen Revolution in den Kopf: zu viele, zu alt, zu teuer.

Angst vor dem Altwerden

Kein Wunder, dass Alt-Werden bei den meisten Menschen Ängste auslöst. An der Spitze der persönlichen Angstszenarien stehen dabei Altersdemenz und Alzheimer, Einsamkeit, das hilflose Ausgeliefert-Sein an andere Menschen und ein Sterben zwischen Fastfood-Pflege und Apparatemedizin. Eltern sorgen sich davor, den eigenen Kindern zur Last zu fallen, peinlich zu werden, zu stören. Andere fürchten sich vor Altersarmut. Schon ab 50 droht das Ausrangiertwerden aus der Leistungsgesellschaft, der Abstieg in die Sozialhilfe. Auch der Gedanke daran, im Alter festzustellen, das eigene Leben versäumt oder falsch gemacht zu haben, kann zur quälenden Belastung werden.

Well and fit forever

Längst haben Pharma- und Kosmetikkonzerne unsere Ängste vor nachlassender Attraktivität, Leistungseinbruch, Kompetenzverlusten und drohenden Gebrechen entdeckt. Und umwerben uns mit dem Versprechen fortdauernder Jugendlichkeit: Anti-Aging-Programme und Komfortmedizin sollen den körperlichen und psychischen Abbau stoppen, unsere Vitalität erhalten, das Leben verlängern. Doch um glücklich alt zu werden, bedarf es mehr als das Konsumieren von Wellness und Fitness im boomenden ‘Silvermarket’, dem Griff nach Wachstumshormonen, Antioxidantien und Vitaminpillen. Gut altern ist eine ‘reife Leistung’, und wer zufrieden in die Jahre kommen will, muss sich beizeiten darauf einstellen.  

Ereigniseinbruch Alter?

Kein Mensch wird plötzlich alt. ‘Betagt’ werden ist vielmehr ein lebenslanger Prozess, in den wir Schritt für Schritt hineingeführt werden. Nur wo es gelingt, das eigene Lebenskonzept fortlaufend an die sich verändernden Herausforderungen und Gegebenheiten anzupassen, werden wir die Möglichkeiten und Chancen der jeweiligen Lebensphase auch in guter Weise nutzen können. Wer krampfhaft am Jung-Sein festhält, steuert sich dagegen unweigerlich in die Krise. Denn unser Leben ist auf Vergänglichkeit angelegt. Wer das nicht akzeptiert, hindert sich am Leben! Darum ist es gut, wenn wir das Gebet des Mose aus Psalm 90,12 auch zu unserem Gebet machen können: «Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden!»

Kursus in Lebenskunst

Welche Lebensperspektiven wir im Alter einnehmen und ob die Strategien, die wir für unser Immer-älter-Werden entwickeln «klug» sind, hängt wesentlich davon ab, ob wir unser Leben ‘achtsam’ leben, welche Prioritäten wir in einzelnen Lebensphasen setzen und welche Ressourcen wir darum aus unserer Lebensgeschichte in den Lebensabschnitt ‘Alter’ einbringen können. «Freue dich in deiner Jugend. Lass Dein Herz guter Dinge sein. Geniesse gern!», werden wir in der Weisheitsliteratur der Bibel aufgefordert, aber auch vor einem falschen und schädigenden Lebensstil gewarnt: «Doch wisse auch, dass dich Gott um all das vor Gericht ziehen wird. Denk an Deinen Schöpfer in der Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre, von denen Du sagen wirst: sie gefallen mir nicht!» (vergleiche Prediger 11,9-12,1ff.).

Das Wort Gottes gibt uns gute Lebens-Orientierung und will in jeder Altersstufe die Augen für besondere Entwicklungschancen und -aufgaben öffnen. Kernpunkte dieses ‘Kursus in Lebenskunst’ sind: die Achtung und Anerkennung Gottes (Gottesfurcht) und das Vertrauen in sein gutes und liebevolles Handeln, das Ja zur eigenen Geschöpflichkeit und Lebenssituation (Selbstannahme) und die Bereitschaft zu einer Lebenspraxis, die auch den Dienst für andere Menschen einschliesst (Nächstenliebe).

Verdrängen und Verschieben

«Hast Du Dir schon mal überlegt, wie Du später wohnen willst? Was Du tust, wenn der Lebenspartner stirbt? Wenn Du geistig abbaust, zum Pflegefall wirst?» Für viele der ‘jungen Alten’ sind solche Fragen absolute Stimmungskiller. Sie schaffen Verlegenheit, oft ratloses Achselzucken. «Das wird sich finden, wenn es soweit ist», lautet die typische Standartantwort. Wirklich nachgedacht haben die Wenigsten: es fehlt an klaren Vorstellungen, ganz zu schweigen von einem durchdachten Versorgungskonzept für das hohe Alter. Doch es ist wichtig, dass wir für die im Alter anstehenden Aufgaben und Herausforderungen rechtzeitig Entscheidungskriterien entwickeln: im Hören auf das Wort Gottes, im Gespräch mit Familienangehörigen und Freunden, im Annehmen von Beratungsangeboten und rechtlichen Abklärungen. Denn Alt werden und Langlebigkeit ist nicht nur Geschenk, sondern kann auch in schwierige Situationen und Leiden hineinführen.

Manager unseres Wohlbefindens

An welcher Stelle uns die Alterslast trifft: darüber haben wir keine Verfügungsgewalt: Wir werden gegürtet und Wege geführt, an die wir zuvor nicht gedacht haben. Nicht alles, was auf uns zukommen kann, lässt sich darum im Vorhinein klären. Dennoch sollten wir folgende Fragen möglichst frühzeitig bedenken und zu klären versuchen:

Wie möchte ich im Alter leben, welche Interessen verfolgen? Für was möchte ich mich engagieren, meine Gaben und Kompetenzen einsetzen? Wo will ich im Alter leben? Habe ich da, wo ich alt werden will, bereits Kontakte? Gibt es eine Gemeinde, zu der ich gehören will? Was müsste ich tun, um mir Kontakte zu erschliessen? Mit wem will ich im Alter zusammenleben? Strebe ich an, allein zu bleiben? Möchte ich zu den Kindern oder mit Freunden zusammen ziehen? Oder in ein Mehrgenerationenhaus, eine betreute Einrichtung, ein Pflegeheim? Was will ich tun, um eine Vorauswahl möglicher Einrichtungen zu treffen, in denen ich mich wohlfühlen kann? Was soll im Notfall passieren? Welche Verfügungen will ich erstellen, oder wer soll eine Patientenvollmacht von mir erhalten? Wie will ich meinen Nachlass regeln? Wen möchte ich mit dem, was ich habe unterstützen?

Leben aus Gottes Hand

In christlicher Sicht verdanken wir unser ganzes Leben der Gnade Gottes. Das gilt bis ins hohe Alter; es gilt auch unter der Vorgabe des Verlustes von Lebenskraft, des Einbruchs von Leid und Schmerz in unser Leben. Weil es gerade dies ist, was wir im Alter fürchten, dürfen wir uns in besonderer Weise Gottes Fürsorge anbefehlen. Er hat versprochen: «Ich will Euch tragen bis ins Alter; ich will heben und tragen und erretten!» (Jesaja 46,4). Nehmen wir unser Alter doch aus Gottes Hand als eine besondere Zeit: eine Zeit zum Ruhen und Tun, vor allem zum ruhigen Tun. Als alte Menschen können wir in der Kraft Gottes «grünen» und «frisch» sein, wie ein junger Baum (Psalm 92,15f.). Das Grosse kann dabei klein und das Kleine kann gross werden; wir können Unwichtiges vergessen und das Wichtige ganz neu in den Blick nehmen: unsere Beziehung zu Gott, die Fürsorge für andere entsprechend unserer Möglichkeiten und die wichtige Aufgabe, unser Herz an die Ewigkeit zu gewöhnen.

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 Dieser Artikel erschien im aktuellen Chrischona-Panorama auf Seite 9