Was, wenn man im Pensionsalter noch einmal ganz von vorne anfangen muss? Wenn finanzielle Sicherheiten fehlen und die Perspektive alles andere als rosig scheint? Kurt Baer wagte einen mutigen und ungewöhnlichen Schritt: mit 66 Jahren entschied er sich für ein Studium am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc).
Kurt Baers Geschichte ist erstaunlich. Es ist die Geschichte eines Mannes, der alles im Leben hatte: Erfolg im Beruf, eine glückliche Familie und einen starken Glauben an Gott, für den er sich als 17-Jähriger bewusst entschieden hat. Geblieben ist ihm der Glaube. Der half ihm, als er ganz unten war und alles verloren hatte.
Kurt Baer ist einer, dem im Leben alles gelang. Ein Sunnyboy, geschickt im Umgang mit Worten. Der stets wusste, wie man was anzupacken hatte, um es zum Erfolg zu führen. Schnell machte er Karriere: Nach seinen Ausbildungen zum Buch- und Offsetdrucker erlernte er das Fotografenhandwerk. Später folgte ein Studium zum Diplomierten Werbeleiter. Ein Beruf, der zur Berufung wurde: Mehr als 14 Jahre hinweg war er in leitenden Positionen von Grossagenturen tätig. Daneben unterrichtete er als Fachdozent und Prüfungsexperte an der schweizerischen Werbefachschule in Biel und Zürich. Als leitender Werber gelang es ihm, grosse Mandate aus dem Hotellerie- und Gastronomiegewerbe ans Land zu ziehen und entwickelte eigene Gastrokonzepte. Doch der hektische Berufsalltag forderte seinen Tribut: die Ehe mit seiner ersten Frau, mit der er drei Kinder hat, zerbrach.
1980 entschloss sich Kurt Baer zur Gründung einer eigenen Agentur. Zu seinen Kunden zählten die grössten Hotels der Schweiz. «Damals hiess es, ich sei einer der zehn besten Werber der Schweiz. Alle grossen Agenturen wollten mich abwerben», erzählt Kurt Baer. «Ich war ein regelrechter Exot in der bunten Werbewelt, weil ich meine Agentur konsequent nach christlichen Prinzipien führte.» Dazu zählte unter anderem, dass kein Auftrag für Zigarettenwerbung angenommen wurde. Für die Mitarbeiter – egal ob gläubig oder nicht – galten ‘Goldene Regeln’. So durfte man den Chef nicht am Telefon entschuldigen, sondern gab klar zu verstehen, wenn er mit jemanden jetzt nicht reden konnte oder wollte. Auch privat ging es aufwärts: 1981 heiratete er seine zweite Frau Yvonne. Zehn Jahre langen leiten die beiden die Agentur, das Geschäft lief bestens. Auch als Autor hatte er Erfolg: mit seinem Kochbuch: ‘Kochen für Freunde’, erlangt der passionierte Hobbykoch grosse Beachtung.
Dann kam das Jahr 1992 und eine nicht vorhersehbare Rezession, die vor allem die Immobilienbranche und das Gastronomie- und Hotelgewerbe traf. Jene Bereiche, in denen seine Agentur tätig war. «Das Ende kam sehr schnell und sehr brutal.» Massive Verluste führten 1994 zur Geschäftsaufgabe. In der Hoffnung, die Firma zu retten, investierten Yvonne und Kurt Baer Privatvermögen – vergebens. Von einem Tag auf den anderen verloren sie nicht nur die Firma, sondern ihr gesamtes Hab und Gut. Beide wurden durch die enorme Belastung gesundheitlich schwer angeschlagen.
«Mein Leben lang habe ich mich zu Gott bekannt – und jetzt lässt er mich im Regen stehen», beschreibt er seine zwiespältigen Gefühle von damals. Römer 8,28 gab ihm Hoffnung: ‘Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.’ «Das war meine himmlische Telefon-Nummer.» Die Krise führte ihn zu tiefer Reflektion. Die Chancen, einen neuen Job in der Werbebranche zu finden, waren denkbar gering. Wegen seines Alters konnte er keinen Fuss fassen. Er erkannte, dass die schillernde Welt der Werbung nicht mehr die seine war. «Ich wollte nicht mehr in dieser multikulturellen Weichspülergesellschaft arbeiten.» Viele seiner christlichen Freunde sahen in der Pleite eine Strafe Gottes und wandten sich von ihm ab. «Das war eine meiner bittersten Enttäuschungen», resümiert er über diese Zeit.
Dass er an der Krise nicht zerbrach, schreibt er seinem Naturell und Grundvertrauen in Gott zu. «Ich bin mit Optimismus und Lebensfreude und einer gewissen Härte mir selbst gegenüber gesegnet.» Sein ehemaliger Sonntagsschulleiter, der bekannte Pfarrer Ernst Sieber übte in seiner frühen Jugend wichtigen Einfluss auf ihn aus. Auch die Erkenntnis, dass man nicht tiefer fallen kann als in die Hände Gottes, trugen ihn und seine Frau Yvonne durch diese Zeit.
Um finanziell auf die Beine zu kommen, entschloss sich das Ehepaar erneut zu einer selbstständigen Tätigkeit. Sie machten ihr Hobby zum Beruf und bauten einen Party- und Störkochservice auf. Als sich im Jahr 2000 die Gelegenheit bot, ein Dorfrestaurant im Thurgau zu pachten, zögerten sie nicht. Drei Jahre lang florierte das heimelige Dorfrestaurant. Bis Kurt Baer 2003 schwer erkrankte. Vier Wochen musste er im Krankenhaus behandelt werden. Seine Frau Yvonne, aufgrund ihrer Diabetes nur bedingt arbeitsfähig, konnte den Betrieb alleine nicht aufrechterhalten. Der Traum zerplatzte, die beiden mussten das Restaurant aufgeben. Erneut stand das Ehepaar vor den Trümmern seiner Existenz. Kurt Baer resignierte: «Jetzt hat mich Gott doch verlassen.» Dass dem nicht so ist, sollte sich bald zeigen. Denn ein Gast, ein Geschäftsmann, war so begeistert von Kurt Baers Steinpilzrisotto, dass er ihn anfragte, ob er denn nicht ein Restaurant bei Basel übernehmen wollte. Da Kurt Baer aufgrund seiner Erkrankung aus dem Pachtvertrag vorzeitig ausschied, konnte er die neue Aufgabe annehmen: als neuer Betriebsleiter und Küchenchef des Restaurant ‘Waldrain’ der Pilgermission St. Chrischona. Der Gast dem das Steinpilzrisotto so mundete, war Attilio Cibien, seinerzeit Leiter Hotel und Betriebe der Pilgermission.
Als das ‘Waldrain’ nach nur eineinhalb Jahren geschlossen wurde, war es für Kurt Baer an der Zeit, innezuhalten. «Ich brauchte eine Denkpause, um herauszufinden, was Gott eigentlich von mir wollte.» Er entschloss sich, einem jahrzehntelangen Herzenswunsch zu folgen: eine Bibelschule zu besuchen. Im Wintersemester 2005 startete er – mit 66 Jahren – als ältester tsc-Student. Sein Dozent, Dr. Andreas Loos, stellte eigens einen Plan zusammen, der es dem Senior-Studenten ermöglichte, in alle Kurse hineinzuschnuppern. «Durch die Vorlesungen habe ich einen völlig neuen Zugang zum Wort Gottes erhalten», erzählt er über sein Studentenleben. Er musste keine Prüfungen schreiben, war sonst aber in allem seinen jüngeren Kommilitonen gleichgestellt. Berührt hat ihn auch, wie vorbehaltlos er von den ‘Jungen’ aufgenommen wurde.
Heute ist Kurt Baer trotz all seiner Niederschläge ein Mann, der durch seinen Optimismus und seine Lebensfreude fasziniert. Die Zeit auf St. Chrischona hat ihn innerlich gestärkt und seine Beziehung zu Gott vertieft. Aus dem Mann, der einst auf den Beifall anderer angewiesen war, ist ein Mensch geworden, der «dem Gedanken Gottes immer ähnlicher werden möchte». Das ist heute sein Lebensziel, das ihn vorantreibt. «Nobody wants to play the rhythm guitar behind Jesus», zitiert er einen Country-Song: «Keiner will nur die Rhythmus-Gitarre neben Jesus spielen». «Heute bin ich damit zufrieden, die Rhythmus-Gitarre zu spielen», sagt Kurt Baer und fügt hinzu: «Aber dann gut gespielt.»
| Dieser Artikel erschien im aktuellen Chrischona-Panorama auf Seite 12-13 |