Thema: Kampf der Kulturen

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Die Christen und der Kampf der Kulturen

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DR. MARKUS MÜLLER

Der Gedanke an die kommenden 10, 20, 30 oder 60 Jahre löst bei den meisten Menschen unterschiedliche Stimmungen und Gefühle aus. Klar ist nur eines: Die kommenden 60 Jahre werden nicht so sein wie die vergangenen 60 Jahre es waren.

Im Jahr 1993 erregte ein amerikanischer Zeitschriftartikel von Samuel Huntigton ziemlich viel Aufsehen. In der Zwischenzeit entstand dazu ein Buch des Verfassers, das inzwischen in 26 Sprachen übersetzt wurden. Die deutsche Ausgabe umfasst 581 Seiten und liegt bereits in der 5. Auflage vor. Der Titel lautet ‘Kampf der Kulturen – Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert’. Mich hat der Titel vom ersten Moment an interessiert.

Solch ein Kampf, empfand ich, findet unter uns doch ständig statt: Der Kampf zwischen den Generationen, der Kampf zwischen den Freunden der Ehe und den Gegnern der Ehe, der Kampf zwischen den Befürwortern von Homosexualität und deren Verächtern sowie der Kampf zwischen Vertretern traditioneller und modern-postmoderner Gottesdienstformen. Mich lässt eine Frage nicht los: Könnte es sein, dass das, was Samuel Huntington in seinem Buch beschreibt, mehr die globale Spitze des Eisberges von dem ist, was sich gesellschaftlich und auch in der christlichen Gemeinde fast alltäglich abspielt? Und etwas weiter gefragt: Könnte es sein, dass die Zukunft, also die kommenden 10, 20, 30 oder gar 60 Jahre wesentlich davon abhängig sein werden, ob beispielsweise wir als Christen im deutschsprachigen Europa eine alternative Lebenskultur eingeübt haben oder nicht? Mir liegt dieser Gedanke nahe. Von Jesus her gesehen ist das Zusammenfinden unterschiedlicher Kulturen selbstverständlich: «Von Westen und Osten, Norden und Süden werden sie kommen und sich an seinem Tisch lagern» (Luk. 13,29). Christen bahnen als Salz und Licht dieser Welt diesem Anliegen und Zielpunkt der Geschichte einen Weg.

In den folgenden Zeilen sollen fünf Schwerpunkte gesetzt werden:
1. Was ist mit diesem Stichwort ‘Kampf der Kulturen’ gemeint?
2. Was hat sich in den vergangenen Jahren getan?
3. Was könnte morgen sein?
4. Wie reagieren wir als Christen?
5. Gibt es einen speziellen Beitrag des Chrischona-Werkes?

1. Was ist mit ‘Kampf der Kulturen’ gemeint?

Die Grundthese lautet: Ein kommender Krieg findet nicht, wie etwa in den letzten Weltkriegen, zwischen Ländern oder Nationen statt, sondern zwischen unterschiedlichen Kulturen und Zivilisationen. Als Beispiel wird der terroristische Anschlag vom 11.9.2001 genannt. ‘Kultur’ kann grob umschrieben werden mit Lebensweise. Wesentlicher Bestandteil ist die Vorstellung in Bezug auf die gegenwärtige Welt und wie wir diese zukünftig haben möchten. Kultur ist der äussere Ausdruck, die ‘Fleischwerdung’, von dem, was gedacht wird und an Vorstellungen in unseren Köpfen existiert. ‘Kampf der Kulturen’ heisst nichts anderes als dass Kulturen miteinander in Konkurrenz liegen und – natürlich mit sehr unterschiedlichen Mitteln und Methoden – um Macht und Einfluss kämpfen. Wir sitzen alle im weltweiten Gefahrenraum. Die Welt ist geradezu ‘entsichert’. Es entsteht über die nationalen Grenzen hinweg eine neue Sorge um das Dasein. Die moderne, westliche Gesellschaft ist nicht mehr fähig, die von ihr erzeugten Gefahren zu kontrollieren. Die grosse Frage lautet: Welche Kultur schafft die grösste Sicherheit beziehungsweise die grösste Zukunftsgewissheit angesichts der Umstände, in denen Menschen leben?

2. Was hat sich in den vergangenen Jahren getan?

Francis Fukayama schrieb 1989 von dem ‘Ende der Geschichte’. Dies war das Jahr des Mauerfalles zwischen Ost und West. Er stellte die Behauptung auf: Der Westen (und damit der Kapitalismus) siegt über den (kommunistischen) Osten. Es sei deutlich, dass die Kultur des Kapitalismus den «Weltsieg» errungen habe. Diese These hat sich offensichtlich nicht bestätigt. Spätestens mit dem 11.9.2001 hat eine völlig neue ‘Geschichtsepoche’ begonnen. Was aber ist in Wirklichkeit passiert? Es ist unübersehbar: Der Westen ‘schwächelt’ und leidet an ‘moralischer Gewichtslosigkeit’. Während Asien wirtschaftlich erstarkt und die Welt des Islam in aller Munde ist, hat der Westen seine (kulturelle) Mitte verloren. Die Folge dieses kulturellen Vakuums besteht darin, dass Kulturen, die dem Westen zunächst fremd sind, angezogen werden und dieses Vakuum füllen. Ein solcher Vorgang kann, das liegt auf der Hand, nicht kampflos geschehen.

Betrachtet man unsere westeuropäische Entwicklung in den vergangenen Jahren, so fällt das horrende Tempo auf, in dem bestimmte Dinge selbstverständlich geworden sind. Innerhalb nur einer Generation hat sich der Kern des westlichen Sittengesetzes (zum Beispiel das Zivilrecht und Familienrecht) historisch beispiellos verändert. Dies betrifft etwa die Würde des Menschen, das Scheidungsrecht oder den gesellschaftlich-rechtlichen Status der Homosexualität. Der Soziologe Ulrich Beck, der sich als deutschsprachiger Autor unter anderem in seinem Buch ‘Weltrisikogesellschaft’ mit den Veränderungen in unserer Zeit auseinandersetzt, benutzt den vielsagenden Begriff der ‘Inkubationszei’. Er meint damit, dass sich Dinge, die plötzlich für alle sichtbar sind, eine längere Zeit – oft Jahrzehnte – im Verborgenen anbahnen. Ein Beispiel ist, dass sich auch in der Schweiz seit dem 1.1.2007 homosexuell empfindende Paare ihre Beziehung auf dem Standesamt öffentlich-rechtlich legitimieren lassen können. Es ist nicht so, dass einige ‘böse’ Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas ‘Böses’ tun. Die Frage ist: Was bahnt sich in den kommenden 10, 20, 30 oder gar 60 Jahren an, und welche Rolle werden Christen als Salz und Licht dieser Welt dabei spielen?

3. Was könnte morgen sein?

Ich wage zu sagen, dass die kommenden Jahre wesentlich von drei Szenarien bestimmt sein werden. Genau in diese Zusammenhänge könnte die (grosse) Auseinandersetzung mit andern Religionen innerhalb unseres Abendlandes fallen. Die drei Spannungsfelder sind:

Zunehmende Komplexität und Geschwindigkeit

Man muss nicht lange suchen, um Beispiele zu finden, die bei jedem durchschnittlich begabten Mitteleuropäer die Aussage provozieren: «Da blicke ich nicht mehr durch.» Solches beginnt beim Lösen einer Fahrkarte auf dem Bahnhof, geht über meine undurchschaubaren Krankenkassenbeiträge, bringt mich ins Grübeln, wenn ich meine Heizung zum Funktionieren bringen möchte, und endet da, wo ich verstehen möchte, wieso unsere Welt so ist, wie sie ist. Fügen wir dem Phänomen der Komplexität noch die Zunahme der täglichen Geschwindigkeit hinzu, verstehe ich, dass es vielen Menschen schwindlig wird und sie buchstäblich keine andere Möglichkeit mehr haben als auszusteigen.

Die Macht der zentrifugalen, auseinander reissenden Kräfte

Es scheint, als wären nach 1989 ganz bestimmte Kräfte freigelassen worden. Diese Kräfte, so könnte man meinen, sind anscheinend durch die Abriegelung beispielsweise von Ost und West gebändigt worden. Auseinander reissende Kräfte zehren heute an allem, was zusammengehört: an der Gesellschaft, der Kirche, der Familie, den Freundschaften und vielem anderem mehr. Der Schub in Richtung Individualisierung und Autonomisierung entspricht einer inneren Logik. Auch christliche Werke sehen sich fortwährend solchen Kräften ausgesetzt.

Der Mangel anstelle der ersehnten Zunahme von Wohlergehen und Fortschritt

Es wird viel darüber geredet, dass unsere Wirtschaft ein neues Hoch anpeilt, die Löhne steigen und sich in Deutschland zurzeit ein «zweites Wirtschaftswunder» ereignet (Rheinischer Merkur vom 30.11.2007). Unüberhörbar sind aber auch die Stimmen, die davon sprechen, dass es uns täglich an Zeit und Geld, Glaubens- und Liebesfähigkeit, Wahrhaftigkeit und Geradlinigkeit, Bindungsfähigkeit und Verbindlichkeit, klaren Positionen, Durchblick, Ideen und Fähigkeiten, konkreter Fürsorge und Grosszügigkeit, Geduld und vielem anderem mehr mangelt. Mangelszenarien sind wahrscheinlicher als Fortschrittsszenarien. Mental müssen wir uns darauf einstellen, dass wir in den kommenden Jahrzehnten nicht nur Mangel beheben und ausrotten können, sondern Mangel bejahen müssen. Mangelszenarien sind nicht nur Szenarien vor 1950 oder in der Dritten Welt – es sind mögliche Szenarien in unserer Mitte.

Die offensichtliche Frage ist: Wo gibt es in unserer Gesellschaft Orte, an denen Menschen sehen und lernen können, wie unser Leben angesichts dieser Umstände dennoch gelingen kann?

4. Wie reagieren wir als Christen?

Die zugespitzte Frage, ob und wie Christen in solchen Szenarien überhaupt eine Rolle spielen, liegt auf der Hand. Versuche ich andeutungsweise zu verstehen, was sich im christlichen Bereich innerhalb unserer Breitengrade in den vergangenen 60 Jahren getan hat, staune ich, wie Gott vielen Menschen in grossartiger Weise geholfen hat. Ich staune über die lebens- und gemeindeverändernden Impulse im Zusammenhang beispielsweise von Gemeindewachstum, über das, was in der Seelsorge geschieht, oder die positive Weise, in der Christen mit unterschiedlichem geschichtlichen Hintergrund ihr Miteinander gestalten. Demgegenüber steht aber auch die unübersehbare Tendenz der Privatisierung, der Ausrichtung auf das eigene Wohlergehen und im schlechtesten Fall das sich Zurückziehen auf eine generelle Schiedsrichterrolle bezüglich der christlichen und nicht-christlichen Welt.

Denke ich an das Stichwort ‘Kampf der Kulturen’, so scheint mir, dass zum einen ein Rückzug auf das eigene, individuelle Überleben und zum andern ein moralisches Appellieren etwa im Sinne einer simplifizierenden Forderung nach mehr christlicher Politik kein verheissungsvoller Weg ist und sein kann.
Zwei Richtungen des Nachdenkens halte ich angesichts eines möglichen Kampfes der Kulturen für bedenkenswert:

A. Was immer wir in unseren Gemeinden und Gemeinschaften miteinander reden, verkündigen, glauben und leben muss tauglich sein, um mit unterschiedlichen Denkweisen und Lebensentwürfen, eben mit verschiedenen Kulturen, in guter Weise umgehen zu können. Was im Grossen gelingen soll, muss zuerst im Kleinen eingeübt werden können. Der entscheidende Ort ist die christliche Gemeinde. Der Umgang mit unterschiedlicher Anschauung müsste sich wie selbstverständlich in grosser Leichtigkeit ereignen. Es ist interessant, dass sich säkulare Menschen, die sich mit Themen wie Multioptionsgesellschaft oder Weltrisikogesellschaft auseinandersetzen, den Schlüssel in die Zukunft etwa bei praktizierter Verbindlichkeit oder gelebter Gastfreundschaft sehen.

B. Die Bibel gibt uns an unterschiedlicher Stelle klare Hinweise zur Art, wie wir in dieser Welt kämpfen. Diese Mittel können sich Christen leisten, weil sie wissen, wer am Ende siegreich sein wird. Es geschieht nicht «mit Heer oder Macht». Im Wissen, dass mit dem Begriff ‘Lammesnatur’ in der Geschichte der Christenheit auch viel Missbrauch geschehen ist, scheint mir dieser Begriff doch so etwas wie ein Schlüssel für die Art, uns in dieser Welt zu bewähren, darzustellen. Ich nenne einige biblische Schlüsselstellen: Jes. 53, 7 (… wie ein Lamm … ), Joh. 1,29 (siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt) oder Off. 7,9 (siehe da, eine grosse Menge, … aus allen Nationen …, die vor dem Lamm stand, angetan mit weissen Kleidern. … Und sie rufen: Lob und Ehre und Dank und Ruhm sei unserem Gott!). Damit keine falschen Verständnisse aufkommen: Die Offenbarung schildert uns das Lamm gleichzeitig als ‘Löwe von Juda’ (Off. 5,5). Lammesnatur ist kein ‘Mäuschen duck Dich!’ Weil wir gerufen sind, in Jesu Fussstapfen zu gehen, liegt es in der Luft, heute angesichts der globalen Herausforderungen neu und vertieft von der Lammesnatur zu sprechen.

5. Gibt es einen speziellen Beitrag des Chrischon-Werkes?

Als Leitung des Chrischonawerkes haben wir uns in den vergangenen Monaten im Wesentlichen mit zwei Fragen beschäftigt:
  • Was hat Gott uns während der vergangenen Jahre – auch und gerade in Krisenzeiten – speziell anvertraut?
  • Wie werden wir als Gemeinden und als Werk den Menschen unserer Zeit in den kommenden zwei Jahrzehnten wirkungsvoll dienen?
Wir empfanden es bezüglich der ersten Fragestellung als Aufgabe, uns den fünf Themenbereichen, auf die Gott in den vergangnen sieben Jahren das Augenmerk besonders zu richten schien, nochmals neu zu stellen. Diese Themen sind: Dienerschaft, Haushalterschaft vor allem im Finanzbereich, Umgang mit unterschiedlicher Erkenntnis, die Würde des Menschen und der Umgang mit zunehmendem Mangel. Unser Anliegen: Angesichts der Möglichkeit grösserer gesellschaftlicher Herausforderungen im ‘Kleinen Einmaleins’ Übung zu haben und mit diesen anvertrauten ‘Pfunden’ so umzugehen, dass Gott geehrt wird und viele Menschen etwas von der Güte und Barmherzigkeit Gottes ‘sehen und schmecken’.

Auf die Frage nach der Zukunft hat uns Gott über ein halbes Jahr hinweg mit zwei Bibelstellen überrascht. Es scheint, als würde uns Gott mit diesen beiden Stellen aus Jesaja 61,1-3 und 1.Petrusbrief 2,9 ein Bild, einen Rahmen und eine Vision anvertrauen, wie wir den Menschen unserer Zeit dienen können. Stichworte dazu sind unter anderem Dienen in der Kraft des Geistes, durch Verkündigung und als königliche Priesterschaft. Eines der wesentlichen Ereignisse scheint darin zu liegen, dass uns damit Antwort auf die entscheidenden Fragen innerhalb unserer Gemeinschaften und Gemeinden genauso wie auf die Fragen unserer Gesellschaft gegeben werden. Dies ist mehr als genug Grund, fröhlich dem Kommenden in die Augen zu sehen.

 

 Dieser Artikel erschien im Chrischona-Panorama Ausgabe 1/2008 auf Seiten 8-11